Freitag, 18. August 2006

Über eine finale Konsequenz.

Ein Merkmal aller heutigen abendländischen Kulturen ist der mit dem Stigma des Selbstmordes belegte Freitod, ein Umstand, der diesem Phänomen menschlichen Verhaltens fast nie gerecht wird und der wohl (zumindest in Westeuropa) christlichen Ursprungs ist. Wer sich freiwillig aus der Gemeinschaft verabschiedete, war in den letzten 2000 Jahren ein Sünder und würdig genug, ausserhalb des Friedhofs bei Nacht und Nebel verscharrt zu werden, hatte er doch nicht nur sich heimlich aus dem geerbten, heiligen Staube gemacht, sondern letztendlich auch die Gemeinschaft ihres kompletten Versagens auf der ganzen Linie schuldig gesprochen, und das hört natürlich keiner gern. Mag es doch für einen gesunden, kräftigen, lebensfrohen Menschen jenseits aller Vorstellungskraft liegen, warum jemand auf die Idee kommt, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen - das impliziert ja das Fehlen jeglicher Perspektiven, selbst nur eines einzigen gangbaren Weges heraus aus der schwierigen Situation sowie auch einen drastischen Werteverlust, und das heute, wo die Sozialstaaten so reich an Möglichkeiten sind wie noch nie zuvor - so muss man, sofern die Menschenliebe nicht nur dahinheuchelt ist, dem frei denkenden, sich selbst bewussten, selbstbestimmten Individuum in diesem letzten Moment auch diese letzte Möglichkeit zugestehen, und zwar in Würde und Ehre, ohne ihm mit finsterer Miene einen Fluch hinterherzuwerfen. Man ist es ihm schuldig, genauso wie man ihm eine Minute zuvor noch alle Hilfe schuldig war! Die Gründe gehen absolut niemanden etwas an. Wie will man ihn sonst frei nennen können? Oder gar Individuum? - Schaut mich doch nicht so an!

4 Kommentar(e):

mad hat gesagt…

Doch, ich verstehe was du meinst. Wenn ich sage: "Reisende soll man nicht aufhalten" dann halten mich viele für "cruel" ... aber ist es nicht so, wir haben nebst der Körperlichkeit auch den freien Willen bekommen. Frei bedeutet m.E. "frei sein" auch in den Entscheidungen, welche die eigene Körperlichkeit (auch die sexuelle Orientierung etc.) angeht.

Bei den Christen ist es anders: Da wird Gott die ganze Verantwortung für unser Leben aufgehalst: "Dein Wille geschehe".

Falls es einen Gott geben sollte, dann tut er mir leid ...

Etosha hat gesagt…

Ich sehe das ähnlich und kann die diesbezügliche Verdammnis auch nicht nachvollziehen.
Sogar die Lebensversicherungen haben sich der Hetze angeschlossen.
Auch wenn ein Selbstmord im Nachhinein vielleicht von Angehörigen schwer zu verstehen ist, so ist es doch jedes Menschen eigene Entscheidung, wie weit er seinen Weg gehen will und wo er aussteigt. Es reduziert sich auf die Frage 'Wem gehört mein Leben?'
Obwohl man natürlich auch mit Fug und Recht fragen könnte, warum aktiv werden, wenn man nur warten müsste? ;)

Btw: Ich sehe das nicht so, dass 'Dein Wille geschehe' eine Verantwortungsverschiebung bedeutet. Für mich heißt es, es geschehe, was im Einklang mit dem Willen Gottes steht.

T.M. hat gesagt…

Weil Warten womöglich schlimmer wäre?

mad hat gesagt…

"Im Einklang mit dem Willen Gottes" ???

Gott ist für mich nicht-existent, Und deshalb gibt es auch keinen "Willen Gottes". Für mich. Es gibt nur Plus und Minus. Polarität, Energie und Schwankung ...

Weil warten schlimmer wäre? Nein, weil warten unerträglich wäre. Aber das können wohl nur die wenigsten nachvollziehen ...

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