Samstag, 11. Oktober 2008

Von den Gegensätzen.

[...] Damit Untergang oder Aufgang wäre, müßte es unten und oben geben. Unten und oben aber gibt es nicht, das lebt nur im Gehirn des Menschen, in der Heimat der Täuschungen. Alle Gegensätze sind Täuschungen: weiß und schwarz ist Täuschung, Tod und Leben ist Täuschung, gut und böse ist Täuschung. [...] (Hermann Hesse, Klingsors letzter Sommer, 1919)
Alle Gegensätze sind Täuschungen. — Diesen Satz, vielleicht der klarste und tiefste in dieser merkwürdigen und scheinbar wirren Erzählung, zu begreifen und als "wahr" zu betrachten, wäre etwas, das weite Konsequenzen mit sich brächte. Täuschungen! - d.h. unfertige, nicht zu Ende gedachte, nur halbe und also trügerische Erkenntnis. Eine ganze, umfassende Weltsicht steckt darin, die wahrhaft und kontinuierlich Grösse und Stärke und Erkennen und Wachsein erfordert. — Man erinnere sich dieses Satzes und spreche ihn ruhig vor sich hin, täglich ein paar Mal. Gelegenheit dazu wird man zur Genüge finden.

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