Eine chronische Krankheit, von anderen für ihren unfreiwilligen Inhaber unweigerlich als Leid empfunden, adelt diesen, zumindest in ihren Augen. Eine chronische Krankheit ist etwas Handfestes, der Ernst des Lebens selbst, Schicksal, Unerbittlichkeit. Darum nimmt man auf einen Kranken Rücksicht, man erkundigt sich (nach aussen diskret, nach innen durchaus vertraulich1), man verbietet Kindern "dumme" Fragen (und allzu unbedarften Ehemännern "dumme" Bemerkungen), man macht es ihm so angenehm wie möglich, schüttelt ihm die Kissen auf, sorgt für Ungestörtheit und brät ihm die allerschönsten Extrawürste - ganz von sich aus, es gehört sich einfach so, und dies abzulehnen, ist beinahe unmöglich. Und wer bisher nichts mit dem Delinquenten zu sprechen wusste oder gar ein Fremder und ohne jedes Vorwissen ist, der hat nun zumindest ein fast unerschöpfliches Thema zur Verfügung, denn jeder kennt ebenfalls mindestens einen Kranken, bei dem damals auch usw., aber eigentlich war es bei ihm alles ganz anders ...
Das Christentum hat das Leid zum Gegenstand einer merkwürdigen, nämlich auf dem Kopf stehenden Sehnsucht2 erhoben, die vielleicht gerade heute in all unserem Wohlstand unerfüllt zu bleiben droht. Es gilt noch immer: glaubhaft Mensch sein heisst glaubhaft leiden, wenigstens leiden — nicht leiden hingegen ist unmoralisch. Wer nicht leidet (und auch nicht mitleidet), hat wohl einen grossen Teil dessen, was einst an ihm Mensch war, zumindest verschenkt, wenn nicht sogar kaltblütig umgebracht! Wer aber auf diese Weise als Gesunder schon am Rande des Zwielichtigen stand, womöglich bereits ein Ausgestossener war, hat nun, als Kranker, als vermeintlich Leidender, d.h. als die Last des allgemeinen Leids Mittragender, doch noch eine Möglichkeit, in den Kreis zurückzukehren, noch einmal aufgenommen zu werden, wenigstens auf Probe und bei guter Führung.
1 und man hütet diese gewonnene Vertraulichkeit noch wie einen Schatz
2 Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. (Mt 5,4)
Home » Aus Hyperborea » Krankheit und Leid.
Montag, 26. Januar 2009
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)


































3 Kommentar(e):
Nicht zuletzt aus diesen Gründen haben chronische Krankheiten oft einen psychischen Hintergrund - die Chance, dass sich jemand um dich kümmert, ist dann einfach größer.
Gruß vom Zauberberg! :)
(Ich hoffe, es war nicht meine Mail, die dich hierzu inspiriert hat. :P)
Genau, Zauberberg. Ich fühl mich schon ein bisschen moribund heute ... 37 komma 8!
Ja, wenns die finanziellen Mittel zulassen, gell? Ansonsten musst halt ein Stück talwärts ziehen.
Kommentar veröffentlichen