Mittwoch, 18. Februar 2009

Erwachsen und doch nicht.

Ich sei erwachsen. Heisst es gelegentlich (und manchmal durchaus mit vorwurfsvollem Blicke, aus diesem Zustande abgeleitete Konsequenzen einfordernd). Man schliesst es aus dem Alter, dem Grau, den Bewegungen, die nicht mehr ganz so dynamisch ablaufen, dem beginnenden Knirschen in den Gelenken ... — Was für belanglose Kriterien! Ich muss mich in der Tat wundern, dass man ein solches Wort erschafft und über Jahrhunderte gedankenlos dahinplappert, "Erwachsensein", es bedeutet ja nichts ausser dem vermeintlichen Abschluss1 eines gewissermassen geometrischen Vorgangs, als ob der Betrachtungsgegenstand lediglich ein physikalischer Körper sei, eine Pflanze oder bestenfalls ein Tier, dabei ist genau das eben nicht gemeint mit "Erwachsensein" ... — Um es also einmal klar auszusprechen: kein Mensch ist je erwachsen, schon gar nicht pauschal und gleichermassen auf allen Gebieten seines Daseins, es sei denn, man gesteht ihm vielleicht drei Minuten vor seinem Tode einen Grad von Erwachsensein zu, den er dann nicht mehr zu steigern in der Lage ist. Bis dahin lernt er sein Leben lang und sammelt Lebenserfahrung, beurteilt Dinge anders, umfassender, tiefer, erweitert und ändert seine Werte - er durchdringt sein Universum mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, auf verschlungenen Linien, die mehr oder weniger tief führen. Aber das macht er vom ersten Tage seines Lebens an, immer auf seine Weise. Ich wüsste nicht, wo sich das Menschlein definitiv vom Kind zum Erwachsenen wandelt - es ist ein Kontinuum, ein fortlaufendes Erwachsenwerden, und noch nicht einmal ein monoton gerichtetes. Womöglich ist man stellenweise im Alter noch mehr Kind als in der Jugend, Kind auf einem anderen Niveau.

1 Der Mensch darf in dieser Hinsicht noch froh sein, überhaupt einen Abschluss im Wachsen zu finden. Viele Fische oder selbst noch Reptilien beispielsweise wachsen ihr Leben lang, je nach Nahrungsangebot.

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