Eine Frage, die sich dem sog. freien Individuum, dem mündigen Bürger und Konsumenten, dem 21st century common man vielleicht in viel stärkerem Masse stellt als dem Menschen früherer Epochen ist die, für wen die Dinge, mit denen er konfrontiert wird, wertvoll sind, nämlich infolge schwindenden Einflusses allgemeiner, breit akzeptierter Werte und anerkannter Autoritäten. Ich behaupte, wir sind uns viel zu wenig darüber bewusst und haben möglicherweise sogar schon verlernt, danach zu fragen, trotz oder vielleicht gerade wegen der Unzahl dringender Gelegenheiten ... und wegen der heute allgegenwärtigen Gleichheits-, Gleichberechtigungs- und Toleranz-Gebote, offene Tore zur Beliebigkeit. Interessante Fragen lauten also: Wer hat ein Interesse daran, dass ich dieses oder jenes für wichtig halte, mich jetzt damit auseinandersetze, es kaufe, wähle, anderen weiterempfehle? Dass ich mich an etwas beteilige, es unterstütze (oder bekämpfe)? Dass ich dieses für eine Notwendigkeit, eine Errungenschaft, für Kultur, gar für Kunst halte, jenes hingegen schlicht für Idiotie, Zeit- und Geldverschwendung? (Die Grenzen sind nämlich durchaus fliessend ...) Wo bin ich tolerant, wo lediglich ignorant und wo nicht?
Der Schlüssel und Massstab ist allein das freie Individuum selbst - der Einzelne - ein Umstand, den man oft unterschätzt — unser heutiges, freies Individuum ist ja nämlich nicht zuletzt auch Mitglied einer ganzen Reihe polymorpher Herden, d.h. Schäfchen, d.h. Massenmensch. Man kaut ihm seine Werte in Form von Beliebtheiten und Moden vor, man setzt ihn dem Zeitgeist aus, der öffentlichen Meinung, d.h. letztendlich verschiedenen, diffusen und oft intransparenten Mächten, die sich genau den Einfluss nehmen, den er ihnen offenlässt und zugesteht, d.h. den er ihnen nicht explizit (durch denken, durch sich-bewusst-werden) verbietet. Die Frage könnte also auch lauten: wem gehörst du? Dreimal täglich vor dem Spiegel, und mit Betonung: wem gehörst du?
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Donnerstag, 26. März 2009
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1 Kommentar(e):
Man sollte aber auch bedenken, daß der Mensch des ausgehenden 20. bzw. des 21. Jhs. mehr Freiheiten hat, zu entscheiden, was er tun und lassen möchte, als je zuvor. Wobei "der Mensch" etwas unpräzise formuliert ist, der Anführer einer Neandertalerhorde hat sicherlich reichlich Freiheiten gehabt. "Der Mensch" als Synonym für "ein großer Prozentsatz der Individuuen einer Gesellschaft", und "Gesellschaft" als Synonym für die westlichen Demokratien, dann paßt es.
Gruß, Andreas
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