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Freitag, 14. August 2009
Story driven.
Ich kann es nicht mehr hören: "Es ist ein schwerer Tag für Sibylle. Sie hat ..." oder "Punkt 8 Uhr. Alle sitzen auf ihren Plätzen. Doch heute ..." - so beginnen Artikel, Artikel mit Überschriften wie "Studenten: Generation Nebenjob" oder "Lehrermangel: 30% der Lehrer fehlen", d.h. also journalistische Texte, von denen man eine Meldung erwartet, eine Information, die man vorher noch nicht wusste, ggf. mit recherchierten Hintergrundinformationen und Zusammenhängen. Statt dessen bekommt man eine simple Geschichte schwer nachprüfbaren Inhalts und belangloser Aussage, Infotainment bestenfalls, wenn es am Ende nicht nur wieder Feuilleton ist ... Jemand erzählt irgendeinem Schreiberling in der Kneipe eine Geschichte, die sein Sohn aus der Schule mitgebracht hat, aber morgen steht es in der Zeitung, insbesondere der virtuellen. Wir lesen das, erzählen es anderen, schütteln den Kopf oder lachen darüber. Wir sind story driven. In englischsprachigen Nachrichtensendungen schaltet man aus dem Studio zum Reporter vor Ort mit den Worten "Jim has the whole story ... Jim?" Es ist wie eine Seuche, dieser Stil von Journalismus ist gar nicht mehr wegzudenken. Er überzieht unsere ganze multimediale Informationswahrnehmung mit einem schmierigen Film aus Menscheleien, Peinlichkeiten, Betroffenheit und fremdem Leid. — Was interessiert mich die Geschichte? Ich hab selbst ein Leben.
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4 Kommentar(e):
wenn keiner sowas lesen wöllte, tät´s kein journalist so schreiben wollen. (den anderen nimmt man´s ja weniger übel)
Danke, auf den Punkt gebracht. Man kann es noch fortsetzen: Was interessiert mich, wie der Reporter vor Ort heißt?
Gruß, Andreas
Wenn man eine Geschichte gut erzählt, sagt das über ein komplexes Thema u.U. mehr aus als eine Bulletpoint-Tabelle à la Focus. Das Problem scheint mir eher darin zu liegen, dass in deutschen Zeitungen gerne unrecherchierte Pseudo-Gschichterl erzählt werden und damit etwas vorgetäuscht wird, was nicht da ist (nämlich, der Journalist hätte sich tatsächlich mit dem Thema auseinandergesetzt, statt nur in der Kneipe zu hocken und mit einem alten Kumpel zu plaudern).
Guten, dh. intensiv recherchierten und literarisch anspruchsvollen Journalismus findet man im New Yorker. Mehr story-driven geht nicht...informativer m.E. auch nicht. Also, auf story-driven lass ich nix kommen, aber man muss es halt können!
Das mit den unrecherchierten Pseudo-Geschichterln wird im amerikanischen Fernsehen und seinen Dauernachrichtensendungen nicht anders sein. Es ist eine Form des notgedrungenen Zuschauer-bei-der-Stange-Haltens bei nur dünner Substanz, wie sie eben oft auch vorkommt. Vielleicht passiert im Sommer auch mal wochenlang nichts von Belang. Eine journalistische Katastrophe ...
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