Freitag, 11. Dezember 2009

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Die Nuller Jahre? Das klingt schon nicht nach viel, oder? Kann da überhaupt Nennenswertes, gar Wesentliches passiert sein? Was hat diese Dekade geprägt? Ich leiste mir einmal eine unvollständige, persönliche Auflistung. Ich bitte der Reihenfolge keine Bedeutung beizumessen.
  • Emanzipation des Belanglosen. Man kann heute aus allem einen kommerziell verwertbaren Kult zaubern, wenn man es geschickt anstellt. iGeräte, Microsoft-Betriebssysteme, virtuelle Gesichtsbücher und Zwitscherstübchen, aufputschende Getränkemarken, Mitleid, öffentliche Trauer, Körper, Sex, ein doofes Gesicht. Man muss heute nicht mehr überzeugen, insbesondere nicht mit Argumenten, man etabliert einen Kult, und Kulte haben ihre ganz eigenen Regeln. Der Mensch der Nuller Jahre ist ein Kult-Mensch.
  • Emanzipation der Betroffenheit. Betroffensein ist heute erklärter Zeitgeist - bis zur Lichterkette, zur kollektiven Besinnungslosigkeit - und auch ein wesentliches Integritätskriterium der Gesellschaft. Gesellschaft bedeutet heute Betroffenheitskollektiv.
  • Emanzipation der Beliebigkeit, Verlust des Anspruchs an sich selbst. Man wählt heute infolge eines übergrossen Angebots die Positionen, auf die man sich begibt, politische, religiöse, ethische, soziale, kulturelle, einfach wie Produkte, man kauft sie, dabei durchaus auch inkonsistente, also widersprüchliche, das macht gar nichts, und zwar für begrenzte Zeit. Dann wechselt man sie und dieser Wechsel ist nicht nur legitim und akzeptiert, er gilt insbesondere als Zeichen von Wachsein und Modernität, von "mit der Zeit gehen", "jung bleiben", "sich neu erfinden". Antworten haben, nicht Fragen stellen. Für Fragen hat man die Zeit nicht mehr.
  • Emanzipation der Ängstlichkeit. Umfassende Hysterisierung sämtlicher Sicherheitsfragen bis hin zum Schutz des Individuums vor seiner eigenen Dummheit und zwar wesentlich auf Kosten seiner individuellen Freiheit. In den Nuller Jahren begreift man die individuelle Freiheit als klares Sicherheitsrisiko. Lieber unfrei als unsicher. Der Mensch der Nuller Jahre ist (und zwar ganz wesentlich) ein ängstlicher Mensch, drum tragen Amerikaner Waffen. Er weiss, dass er kein allzu hohes Selbstwertgefühl besitzt.
  • Emanzipation des Billigen. Geiz ist geil. Man kauft nur noch Billiges teuer. Und man steht dazu, ganz offen. "Das war ein Schnäppchen!"
  • Entzauberung des Geldes als in harter Währung unbegrenzt zur Verfügung stehender Ressource - Geld und Weichheit sind Synonyme! Darin liegt das Wesen des Geldes. Man hat es inzwischen begriffen, nur noch nicht verinnerlicht.
  • Bruch der Wachstumsideologie, damit auch Bruch des historisch erstmals und weltweit ungehemmten Kapitalismus' überhaupt, nach noch nicht einmal 20 Jahren. Dies bedeutet zweifellos nicht das Ende der Marktwirtschaft, wohl aber mit Sicherheit ein Umdenken in bezug auf ihre Grundlagen und Perspektiven.
  • Entzauberung der nach dem Ende des Kalten Krieges neu erlangten moralischen Überlegenheit der westlichen Welt gegenüber allen anderen, insbesondere infolge des sog. zweiten Irakkrieges und der internationalen Besetzung Afghanistans sowie auch in der aktuellen Klimadiskussion.
Aber ich will auch etwas Positives erwähnen, vielleicht eine Folge: es wird gelegentlich auch wieder gedacht, in leuchtenden Einzelfällen selbstverständlich, aber möglicherweise mehr als vorher, auch hinterfragt, auch kritisch beäugt, durchaus auch originell und unkonventionell.

Was wird das nächste Jahrzehnt bringen? Ich wage zumindest eine kleine Spekulation:
  • Bruch der Mobilitätsideologie, vor allem auf Basis von Verbrennungsmotoren mit fossilen Brennstoffen. Möglicherweise das Ende des Automobils, wie wir es kennen, d.h. als Gebrauchsgegenstand für jedermann, zwei pro Familie, möglichst gross und möglichst schwer. Starker Rückgang auch des Fliegens, insbesondere des allzu billigen. Renaissance der Bahnen, allerdings notwendig anders als wir Bahnen heute gewohnt sind.

3 Kommentar(e):

Anonym hat gesagt…

Sehr schön. Die ersten 5 Punkte (alle mit "Emanzipation" beginnend) analysieren brillant den aktuellen Zeitgeist. Den darauf folgenden beiden wirtschaftspolitischen Aussagen vermag ich nicht zu folgen, und den letzten Punkt würde ich umformulieren:

Verlust der bis zum Ende des kalten Krieges beanspruchten moralischen Überlegenheit der westlichen Welt.

Gruß, Andreas

T.M. hat gesagt…

Immerhin, jemand hat's gelesen!

Anonym hat gesagt…

Das wäre an einem Ort besser aufgehoben gewesen, an dem man sich mittlerweile lieber mit irgendwelchen Spinnern abgibt. Früher, als alles besser war, wäre es dort von vielen gelesen und mit mehr oder weniger geistreichen Kommentaren versehen worden.

Schade, die Zeit kommt wohl nicht mehr zurück.

Grüße, Andreas (Kommentar schreiben als "Anonym" ist zum Kotzen, aber nicht zu ändern), ich werde mir deshalb weder ein Google-Konto noch eine Homepage zulegen

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