Die Debatte um religiöse Symbole ist genaugenommen nur ein Spezialfall. Dahinter steht eine grössere, allgemeinere und uralte Erscheinung, wonach das schwache, unsichere Menschlein, sobald es sich in Kollektiven zusammenrottet, um gemeinsam ein wenig sicherer zu sein (vorher merkwürdigerweise in weit geringerem Masse), jedes Andersartige beargwöhnt, solange ihm dessen Wesen verborgen bleibt. Möglicherweise ein Relikt aus dem Tiersein. So teilt es seine Welt - unweigerlich! - in Gut und Böse, wobei das eigentliche Kriterium sein Unverständnis ist. Alles, was es halbwegs versteht, was es einmal geschmeckt, gelesen, begriffen hat, hinter dessen Sinn und Geheimnis es gekommen ist, ist plötzlich nur noch halb so wild, d.h. nur noch halb so böse.
Oft ist der Schlüssel dazu die Sprache. Das ist der erste und letzte Grund für den legendären Schweizer Röstigraben, für Ausländerfeindlichkeit, für Staatsgrenzen und vieles mehr. Und man muss ja auch wirklich auf der Hut sein — wenn der Nachbar nicht deine Sprache spricht, wie willst Du dann wissen, dass er nicht eines Tages deinen Hund oder gar dein Kind frisst? Schaut er denn nicht immer schon irgendwie lüstern? Ganz schlimm und suspekt wäre einer, der gleich gar nicht spräche. Drum ist die Sprache wahrscheinlich das einzige wirksam und nachhaltig identitätsstiftende Mittel einer Gemeinschaft, andere (Religion, Hautfarbe, Kleidung, Kultur) sind sekundär.
Man darf indes vermuten, dass jene Feindlichkeit allem Andersartigen gegenüber am meisten von denen propagiert wird, die am schwächsten, am unsichersten, am meisten mit einem Gefühl von Kleinheit und Minderwertigkeit ihrer jeweiligen Welt gegenüberstehen. Und man darf sich dabei ggf. vom grossen und imperialen Auftritt nicht täuschen lassen. (Ich spreche beispielsweise den USA durchaus in gewisser Hinsicht mangelndes Selbstvertrauen zu, und wache Amerikaner sind sich darüber selbst auch bewusst.) — Die Frage lautet also letztendlich: wie unsicher bist du eigentlich in deiner Welt?
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9 Kommentar(e):
Trotz spürbarer nationaler Minderwertigkeitskomplexe sehe ich Feindlichkeit Andersartigen gegenüber in den USA wesentlich seltener als in Deutschland. Das mag eine regionale Besonderheit der bay area sein, aber grundsätzlich gilt landesweit: "Everyone here is from somewhere else." Den Spruch habe ich jetzt zum Beispiel in Niederbayern noch nie gehört, obwohl er strenggenommen auch dort zutrifft
- schließlich ist selbst der Altbayer nicht aus dem Urschlamm gekrochen (er benimmt sich nur manchmal so!)
Der seit Jahrzehnten fortwährend durch Schulden finanzierte und dennoch weltweit mit grossem Abstand bedeutendste Militärhaushalt spricht Bände.
Das Gefühl von Kleinheit und Minderwertigkeit empfinden die von dir gemeinten aber gar nicht. Die Frage ist nicht, wie sicher fühle ich mich, sondern: Woraus ziehe ich mein Sicherheitsgefühl? Mag schon sein, dass es angesichts einer Andersartigkeit wackelt und bröckelt, aber mit dieser (Un)sicherheit geht auch eine große Arroganz einher.
Sprache, Religion, Sitte, Ordnung, Gleichförmigkeit - man hat dem Menschen nie viele Alternativen dazu angeboten.
Sich von einer Nation erst aus einem hochgerüsteten Terrorregime befreien und dann vierzig Jahre lang bewachen zu lassen, um dann ebendieser Nation postwendend ihren unverschämt großen Militärhaushalt vorzuwerfen, spricht jedenfalls für ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. In der Hinsicht mache ich mir um Deutschland keine Sorgen. Wir ruhen in der Gewissheit, es zumindest besser zu wissen als die anderen (wenn wir es auch nicht immer besser machen)...
Die Frage, wie das Gefühl einer Bedrohung zustandekommt, ist vielschichtig. Ich verwies ja bereits darauf, dass es u.a. davon abhängt, ob man Teil einer Gruppe ist oder nicht und wie stark sich diese Gruppe fühlt. Gruppen empfinden Bedrohungen stärker als Einzelne. Ein weiterer Faktor ist der Besitz von Waffen. Bewaffnete empfinden Bedrohungen kurioserweise stärker als Unbewaffnete. Es geht weit auf das Gebiet der Psychologie.
Wenn aber eben heute einer unserer westlichen, aufgeklärten, modernen Mitmenschen behauptet, er fühle sich durch Fremde aus wenig gefestigten, wenig entwickelten Dritte-Welt-Staaten bedroht, weil diese hier in Europa auftauchten und ihre Kultur mitbrächten, so wirft das in meinen Augen vor allem angesichts der Zahlenverhältnisse nicht unwesentlich die Frage nach unserer eigenen Kultur und ihrer Stabilität, ihrem Wert, ihrer Nachhaltigkeit und ihrem Gefährdungspotential auf. Diese Debatte ist immer auch rückbezüglich, das will ich sagen.
Was die Alternativen angeht, siehe mein heutiger Post :)
Fräulein cohu, es geht ein wenig durcheinander, glaub ich. Der US-amerikanische Militärhaushalt ist nicht eine Folge des zweiten Weltkriegs, sondern eine Konsequenz aus immer wieder neu formulierten, aussenpolitischen Interessen der USA. Das Militär ist in den USA eine politische Option wie sonst nur selten irgendwo in einem demokratischen Staat, auch wenn sich diese Ansicht in den letzten zehn Jahren in Europa etwas gelockert hat.
Hier geht gar nix durcheinander - für die öffentliche Bewertung der "militärischen Option" macht es einen himmelweiten Unterschied, ob man jemals in einem Krieg gekämpft (und gewonnen) hat, der im Nachhinein ganz eindeutig gerechtfertigt war. Diese Erfahrung hat Amerika mit dem 2. Weltkrieg gemacht. Und genau deshalb ist Krieg für die USA eine Option, und wird auch noch lange eine bleiben.
Man sage noch dazu, dass dieser Krieg (und jeder andere, den die USA in den letzten 100 Jahren geführt haben) nicht auf eigenem Territorium stattfand. Das amerikanische Volk hat deshalb durchaus von Krieg keinerlei Vorstellung (es sei denn die von Hollywood), wie übrigens in jenem neuerdings gelockerten Europa auch niemand mehr (mit Ausnahme derer, die zurückkommen ...)
Der Zusammenhang zwischen einem historischen Sieg und künftigen Bedrohungsempfindungen und der daraus zu ziehenden Rechtfertigung enormer "Verteidigungs"ausgaben über Jahrzehnte (40% der weltweiten Aufwendungen) will sich mir dennoch nicht vollumfänglich erschliessen. Ich behaupte, all die moderneren Begriffe vor allem der Bush-Administration ("war on terror", "axe of evil", "rogue states") haben damit nichts mehr zu tun. Die entstammen neuem Denken nach Ende des Kalten Krieges und sind klar vorwärtsgerichtet.
Natürlich sind die Militärausgaben übertrieben (und die Angriffskriege der letzten Zeit nicht gerechtfertigt), aber dem 2. Weltkrieg verdanken es die militärischen Führer Amerikas, dass sie der Bevölkerung auch noch den letzten, miesesten Ressourcen-Krieg als moralisch erforderlich verkaufen können, ohne dass jemand genauer nachfragt. Dass Amerika keine zivile Kriegserfahrung hat, ist da natürlich auch nur von Vorteil... (nur zur Klarstellung, ich verteidige nicht den Militarismus Amerikas, ich bin nur der Meinung, dass er mit Minderwertigkeitskomplexen weniger zu tun hat als mit historischen Gegebenheiten, bzw. einem "Heldenkomplex").
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