Ein Journalist suche nicht nach der Wahrheit, las ich,
er suche nach Geschichten. — So schrieb ein bekennender Journalist selbstgefällig über sein Handwerk und zwar im wochenendlichen Feuilleton einer grossen deutschen Zeitung. Und das war wieder so ein Satz, dessen Unstrittigkeit inzwischen längst in Selbstverständlichkeit umgeschlagen ist (siehe
hier).
Geschichten, das ist es, was bleibt, insbesondere unter den
gestern von mir genannten Umständen. Man schnappt sie auf, in der Strassenbahn, früh, auf dem Weg zur Arbeit, und hämmert sie in seine Tastatur, abschicken, fertig, für mehr ist gar keine Zeit mehr.
Es könnte allerdings sein, dass ein Leser statt solcher Geschichten etwas ganz anderes sucht und erwartet, etwas,
- das über Einzelschicksale (und seien diese auch beispielhaft) weit hinausgeht,
- das Fakten und Zahlen enthält (richtige Zahlen, oder wenigstens richtige Grössenordnungen, mit richtigen Einheiten),
- recherchierte Zusammenhänge, Hintergrundwissen und Parallelen aufzeigt, sowohl in der Zeit (d.h. in der Geschichte) wie auch im Raum (d.h. an anderen Orten) und Quellen und Querverweise angibt,
- das Fragen stellt (und offenlässt!) und, ja,
- am Ende auch so etwas wie einen bescheidenen Standpunkt einnimmt, nämlich den des Journalisten, den man womöglich für einen wachen, gut informierten und denkenden Menschen hält, oder den seiner Redaktion, die sich nach Diskussion auf einen Standpunkt geeinigt hat.
Man könnte als Journalist zu der Auffassung gelangen, gerade solche Geschichten, die heute in aller Munde sind und von jedem beliebigen Magazin zum dritten, vierten und fünften Mal breitgeplappert werden (man hört sie dann noch zwei, dreimal von anderen, die auch irgendwo solches gelesen oder gehört haben), seien journalistisch eigentlich
kontraproduktiv, man habe dem Leser gegenüber eine Bringeschuld, die
anderes beinhaltet als dies. Man könnte.
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