Dienstag, 26. April 2011

Nacheilend.

Die Notwendigkeit, heutzutage jemanden, der sich selbst in einem Satz zweimal widerspricht, zunächst tolerieren1 und dann solcherart auch ernstnehmen zu müssen, ist ein dringendes Erfordernis künftiger Zeiten. Wir werden es erleben. Der Spagat im Kopf ist ein Phänomen der Überfrachtung mit Information, die immer schneller auf das Individuum hereinbricht, ohne dass dieses auch nur noch halbwegs hinterherkäme, diese geeignet zu verstehen oder sogar durch eigenes Denken einen Standpunkt, einen Vorlauf zu gewinnen. Ein Standpunkt, das ist künftig erst recht eine erworbene Position, eine aufgeschnappte oder gekaufte Meinung eines anderen, der diese auch bereits ganz ähnlich erwarb. Es wird sich gar nicht mehr vermeiden lassen. — Der Informationsmensch wird einer sein, der wesentlich hinterher ist.

1 tolerieren muss man ja inzwischen alles, was zwei Beine hat

5 Kommentar(e):

Anonym hat gesagt…

Da hast Du mal wirklich was geschrieben, was mir hilft mit meiner Schizophrenie besser umzugehn.

T.M. hat gesagt…

Nicht jede Fehlinterpretationen des normalen Erlebens ist tatsächlich Schizophrenie. Absurdes liegt heute nicht selten im Bereich des Wahrscheinlichen.

wogo hat gesagt…

Und wieder glaube ich nicht, daß dies alles zunehmend der Fall sein soll - vielmehr bin ich der festen Überzeugung, daß es schon immer so war. Erst die Allgegenwart öffentlicher Kommunikation (und die Allgegenwart öffentlicher Verlautbarer) läßt den Eindruck entstehen, die Dinge änderten sich. Was sich ändert ist jedoch nur die Allgegenwart dieser Absonderungen. Man muß sich heutzutage öfter damit befassen, früher reichte es eine Zeitung NICHT aufzuschlagen.
Ich erinnere mich an zeitpolitische Kommentare von Kurt Tucholsky aus den 30ern - da bräuchte man auch heute noch nur die Namen auszutauschen und man könnte sie jederzeit für aktuelle Anlässe verwenden.

sonnenblumenbummsbluete hat gesagt…

Liegt es nicht an jedem selbst, den Zeitpunkt für den eigenen Standpunkt zu bestimmen? Auch wenn die Zeit drängt? Und auch dann, wenn es soweit ist, nicht stehen zu bleiben..

T.M. hat gesagt…

Menge und Vielfalt an Information haben sich schon vervielfacht. (Mit letzterem muss man vorsichtig sein. Vieles kommt heute aus einer einzigen Quelle.) Früher kam einer aus seinem Tal nicht heraus, und zwar sein Leben lang, und seine Kinder und Enkel ebenso, das war schon festgelegt. Heute hat er Zeitung, Radio, Fernsehen, Telefon, Post, Internet, Email, Feeds. (Ob und was er davon nutzt, ist eine andere Frage.) Dass wir heute alle einen Teil unserer Gehirnleistung auf's Filtern aufwenden und dabei kollosale Mengen an Information oft unbewusst bewerten und als wichtig oder unwichtig einstufen, ist weitgehend unbestritten. Was jeder Einzelne dann allerdings daraus macht, wieviel er umsetzt und benutzt, d.h. zu seinem oder anderer Nutzen verwendet, ist stark unterschiedlich. Sicher, am Geschehen ändert sich dadurch nicht viel. Es gibt allerdings heute einen öffentlichen Willen, der sich durch Informationen lenken lässt.

Was Standpunkte angeht, so besteht die Schwierigkeit für den Einzelnen darin, aus der Vielfalt von Informationen, darunter Meinungen, Interpretationen, Voraussagen, Erfahrungen, Gerüchte, Vermutungen und Lügen, diejenigen zu erkennen, die tatsächlich einen für ihn konsistenten und authentischen Standpunkt abgeben, ferner auch diesen im allgemeinen Gemurmel, Geplärr und Gebrüll auch zu vertreten. Das ist eben heute durchaus ein Problem. Und das wiederum ist eine Sache, die auf die öffentliche Willensbildung zurückschlägt.

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