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Montag, 16. Mai 2011
Hinter dem Horizont.
Die Dinge werden stets am Gesichtskreis, am Horizont gemessen: in einem kleinen Haus ist eine Katze vielleicht das gefährlichste Raubtier. Und so diskutiert man vielleicht zwei Stunden lang im Kreis von zehn Personen über eine dumme Lappalie, ohne das sich dahinter verbergende, viel grössere und eigentliche Problem überhaupt wahrzunehmen, geschweige denn in der Tiefe zu begreifen - es liegt hinter dem Horizont und somit nicht nur ausserhalb der Reichweite, sondern eigentlich ausserhalb der Welt. — Hinter den Horizont zu schauen ist eine Kunst, die sich zu lernen lohnt. Man braucht dazu nur entweder ein anderes Auge oder gekrümmte Lichtstrahlen. Oder vielleicht war man ja schon einmal hinter dem Horizont und kann sich noch erinnern.
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4 Kommentar(e):
DAS ist eine wundervolle Beobachtung. Es erklärt mir nun auch mein Erstaunen über diesen fernen Blick des Ernst Jüngers. So als säße er auf dem Mond, jedoch mit einem starken Teleskop ausgestattet, stark genug selbst seine geliebten Käfer beobachten zu können. Gleichzeitig jedoch konnte er (um im Bild zu bleiben) zu jedem Zeitpunkt den halben Globus überblicken, nur einen halben Tag später auch die andere Hälfte. Noch eine Bogenminute weitergeschwenkt und die Entfernung des Horizonts fällt mit dem Anbeginn der Zeit zusammen.
Nur Wenige konnten die Eiseskälte dieses Überblicks aushalten.
Dem anderen großen Autoren des vergangenen Jahrhunderts fiel als Bestrafung Folgendes ein: Dem Delinquenten wurde die Bedeutung seiner eigenen Existenz im Verhältnis zu ALLEM anderen gezeigt. Der Sprung der Größenordnungen vernichtet dessen Bewußtsein. Die Vorrichtung wurde "Der Totale Durchblicksstrudel" genannt.
Es ist im Idealfalle der von einem sog. archimedischen Punkt, einer zwar theoretischen, aber faszinierenden Konstruktion. - Aber mal ganz dumm gefragt: was könnte man lohnenswerterweise von Ernst Jünger gelesen haben?
Mein Einstieg war "Das Abenteuerliche Herz", das mit Sicherheit zu den schönsten Büchern in deutscher Sprache gehört. Einsichtsreich waren später die verfemten "Stahlgewitter", denn sie illustrierten die geistige Haltung der Frontkämpfer des ersten Weltkriegs.
Große gedankliche Tiefe lassen spätere Tagebuchsammlungen erahnen ("Sgraffito", "Subtile Jagden", etc), die Romane entäuschten mich durchgehend. Sein Tagebuch des Zweiten Weltkriegs "Strahlungen" empfiehlt sich wegen des fernen und ungewöhnlichen Standpunkts. "Auf den Marmorklippen" bietet den schönsten Romananfang, den ich je gelesen habe: schmerzhaft, wehmütig und mit einem tiefen Bass-Ostinanto unterlegt. Überhaupt ist Jüngers Sprache in vielerlei Hinsicht musikalisch zu verstehen (und zu genießen). Schön passen dazu Strauß' "Letzte Lieder", am besten in der Aufnahme mit Jessye Norman. In dieser Hinsicht kann man Jünger lesen sein, wie man teuren Wein genießt - es ergibt keinen Sinn, kann aber eine wundervolle Erfahrung sein.
"Letzte Lieder" kenn ich gut. Besten Dank. Ich glaub, ich mache wiedermal einen Schritt.
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