Da war es wieder, jenes Beleidigtsein aus Undank, das ich nur aus Deutschland und nur von einer bestimmten Schicht meist wohlsituierter, konservativer, älterer Herren kenne, obwohl ich mir nach all den erfahrungsvollen Jahren grösste Mühe gebe, ihnen keinen Anlass zu geben. Man kommt auf mich zu, sobald man gewahr wird, wo ich herkomme, spricht mich an, befragt mich1. Und oft geht es ganz schnell, schon nach zwei Minuten, wie ich denn das empfände: ich, der Ossi, müsse doch nun begeistert und dankbar sein, nämlich für all das, was ich jetzt habe und bin und darf2, ihnen gegenüber, wohlgemerkt. Ich könne ja jetzt beispielsweise Karriere machen, oder richtiges Geld verdienen, ob ich denn schon meinen Marktwert kennte usw. Und man ist dann immer richtig enttäuscht (und wechselt schnell das Thema), wenn ich die Erwartungen nicht so einfach bestätigen oder gar teilen kann. Aber warum sollte ich lügen? — Dass das unrühmliche Ende des bösen Landes und die alternativlose Übernahme der Konkursmasse durch den einzigen Überlebenden, dessen Adler auf meinem Pass, sein nun flächendeckendes Bildungsfern-Sehen und die fehlende Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn nicht automatisch auch Überzeugtheit und Identifikation mit der westdeutschen, alten Bundesrepublik hervorruft - nein, auch nach 20 Jahren nicht, dass neben der Abkehr von der DDR und der Hinwendung zur Bundesrepublik in meinem Kopf offensichtlich noch etwas Drittes steckt, das weder Ost noch West ist, sondern etwas Eigenständiges, davon Losgelöstes, etwas Moderneres, ist ein Gedanke, der überzeugten Bundesbürgern, sowohl Vor- wie auch Nach-68ern, nur sehr schwer verständlich ist.
1 wobei solche Gespräche oft in langen und durchaus vorwurfsvollen Monologen über die üblichen Albernheiten bei der Grenzkontrolle versanden, in der Regel unter dümmlicher (und falscher!) Imitation vermeintlich ostdeutscher Sprache
2 also für die gewonnenen Rechte, von den neuen Pflichten keine Rede
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Montag, 27. Juni 2011
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4 Kommentar(e):
Und ich denk Sie sind Schweizer ...
Da sieht man mal, wie gut Blogs sind. Man erfährt die Dinge über Menschen, die man sonst nie kennen gelernt hätte. ;-)
Aber ich habe doch nie irgendworaus ein Geheimnis gemacht und 53 Beiträge über das böse Land geschrieben.
Ich habe übrigens die Erfahrung gemacht dass kurz nach "Sie sind doch aus dem Osten?" im Falle der Bejahung zum Du gewechselt wird - offenbar ist das für (un-)dankbare Neuzugänge angemessener.
Das beste Zitat aus all den aufgedrängten Unterhaltungen zur Dankbarkeit ist aber folgendes: "Ich hab schon zu meinem Mann gesagt, wer jetzt da drüben noch unzufrieden ist, der ist das Pulver nicht wert!"
Nett, gell? Da ist man lieber nicht unzufrieden.
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