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Sonntag, 29. Januar 2012
Ernüchternd.
Man bemerkt es nicht gleich. Man geht in ein Geschäft, das früher mal ein angesehener Buchladen war. Und in der Tat, da stehen auch heute noch viele Bücher. Wer allerdings ein waches Auge hat, wird auffällig vielen Büchern begegnen, die mit der Titelseite nach vorn in den Regalen stehen, dazu noch 50 gleiche Exemplare nebeneinander, quadratmeterweise, eine Art Wandtäfelung. Das ist neu. Wozu das? Früher sah man die Buchrücken. Heute blickt man in Steve Jobs' abgemagertes Gesicht, eine Art Schmerzensmann der Neuzeit, und er blickt zurück, ob man auch das richtige kauft. (Der war ja letztes Jahr dummerweise mitten ins Kleist -Jahr hinein- und dazwischengestorben. Ausgerechnet! Um die Ecke steht noch ein vereinzelter Kleist , ein unverkaufter, man wird ihn irgendwann abschreiben und wegwerfen ... nur keine falsche Pietät vor Büchern: ein Buch ist vor allem eine Ware.) In diesem Jahr liest man über Friedrich II. von Preussen , auch hier in der Schweiz, daran besteht inzwischen kein Zweifel mehr, und auch er blickt frontal. Man hat es so gemacht, dass er dem Jobs nicht ins Auge blicken muss. Man besitzt hier allerdings sogar ein drei Quadratmeter grosses Poster, das den Verkaufsraum (quasi das Schlachtfeld) dominiert - mir wäre der stechende Blick des berühmten Portraits sonst gar nicht aufgefallen. — Ich gehe dennoch einmal hinüber zur Zeitgeschichte. Unter "20.Jahrhundert": der Alte Fritz in gleich zwei Exemplaren, da sieht man mal, wie weitreichend seine Politik war. Der Rest besteht fast vollständig (!) aus Print-Veröffentlichungen von Herrn Knopp , ist also wesentlich mit dem identisch, was ich auch im Fernsehen wöchentlich zu sehen bekomme. Vielleicht schreibt er inzwischen auch Schulbücher ... Gut, irgendwer hat noch "Die Obamas" geschrieben. Das Regal mit der Überschrift Engel ist deutlich grösser als das für Philosophie. Gleich daneben steht (wohlgemerkt zusätzlich zu den Engeln) Esoterik, und Astrologie gibt's auch extra noch! Kochen füllt allein gleich mehrere Regale, die Fläche so gross wie alle bisher genannten zusammengenommen. In der unteren Etage gab's einmal Fachbücher. Das Regal für Computerliteratur hat nur noch zwei Hälften: Windows und Mac. Und in einer Ecke, aber abseits, gibt's noch Programmierung. Einen wesentlichen Anteil der Etage macht aber inzwischen der Verkauf von Plüschtieren, Spielen, Dingsbumsen, Lesezeichen, Geschenkschachteln, Schleifchen und dekorativem Plunder aus. — Ich frage mich inzwischen, wo ich überhaupt bin. Wie gesagt, das war einmal ein angesehener Laden, in dem man eine Stunde verbringen konnte, wenn's draussen kalt war. Heute ist es ein selbstvergessenes Konsum-Disneyland. Wer heute ein Buch will, muss ins Antiquariat.
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6 Kommentar(e):
So traurig es ist; jetzt hab' ich mich gerade köstlich amüsiert. Nach anfänglichem Erschrecken über die ungewohnte Textfülle... ;-)
Aber echt, man kann Laden für Laden abschreiben. Das sind Gruselkabinette. In Bern gibt's jetzt nur noch einen. CD-Läden genauso. Und dann jammern die noch über das Sterben des Einzelhandels.
Ich denke, die Auslage des Angebots sagt mehr über das Kaufverhalten von uns Konsumenten aus als über die Buchläden.
Ja, schon, aber nicht nur. Es beeinflusst sich gegenseitig. Ich behaupte, die Läden, die sagen, der Kunde wolle das so, machen es sich entschieden zu leicht. Und die gehen auch zurecht daran zugrunde. Den Kunden zu verallgemeinern (und sich also lediglich am Durchschnitt zu orientieren) ist nie klug, es gibt immer solche und solche Kunden. Antiquariate, um bei Büchern zu bleiben, tun gerade das Gegenteil.
Möglicherweise müssen wir uns allerdings generell von dem Gedanken lösen, in Läden einzukaufen. Vielleicht ist das ein veraltetes Konzept. Vielleicht stehen wir vor einem Zeitalter, in dem die Innenstädte nicht mehr durch Läden und Kaufhäuser (und Werbung) dominiert werden. Unsere Neubaudörfer kommen ja heute schon gänzlich ohne kommerzielle Einrichtungen aus.
Bei Indigo hier in Montréal wurden die Verkäufer teilweise durch Computer ersetzt, wo man nachschauen kann, wo das gewünschte Buch, so vorhanden, denn steht. Und dann empfehlt der Bildschirm gleich noch drei weitere Bücher, die man vielleicht mögen könnte... Aber es gibt auch noch Sessel, die zum Lesen und Verweilen einladen, doch, die gibt es noch.
In Amerika kennt man ja in Buchläden (Barnes and Noble) richtige Tische, an denen man sitzen und sich ausbreiten kann. Hier[TM] ist es hingegen so, dass, wenn man zu lange an einem Regal steht (d.h. mit seinen wahrscheinlich dreckigen Wurstfingern in einem kostbaren Buche herumgrabbelt), eine Aufsichtsperson daherkommt und schnaubend ausgerechnet in diesem Regal etwas sortieren muss, so nervös, dass man freiwillig sein Exemplar zurückstellt und zum nächsten Regal geht. (Dort dann das gleiche Spiel ...)
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