Montag, 6. Juli 2009

Digestion.

Der Verdauungsapparat hartgesottener Journalisten - Vor- und Hinterschnüffler, Vorschmecker und Vorkauer, Vorverdauer und Vielfrasse - muss zum Zwecke hinreichender Chymifikation notgedrungen einiges aus- und abhalten, weit mehr als bei anderen holozänen Grosssäugern. Wen wollte es also wundern, litten sie zeitlebens an Magengeschwüren, Bauchschmerzen, Blähungen und chronischen Verdauungsproblemen? — Etwas mehr Mitgefühl mit einem geschundenen Berufsstand, bitte!

Freitag, 3. Juli 2009

Ungebremstes Wachstum.

Wer anderen lange Nasen oder ein paar hübsche Eselsohren zaubern will, muss derartiges langfristig vorbereiten ...

Donnerstag, 2. Juli 2009

Geschwätz.

Vorsicht vor denen, die viel, schnell und laut reden. Sie tun es
  • in einfachen, häufigen Fällen schlicht aus mangelnder Selbstreflexion1, aus Unbedachtheit und Gewohnheit, aus Selbstvergessenheit also und auch Vergessenheit dessen, wo sie sich befinden, was für Ohren sie um sich haben usw.,
  • oder aus Unsicherheit, um den anderen einmal vorsichtig auf seine Waffen abzutasten, aber nicht nur Unsicherheit über den anderen, auch über sich selbst,
  • oder aus Gründen der Selbstdarstellung und Prachtentfaltung (vor allem Männer), mehr oder weniger offen eine Huldigung einfordernd,
  • womöglich auch (und dies ist gar nicht so selten) mit der Absicht, durch Vertraulichkeit eine implizite Vereinnahmung des Gegenübers zu erzeugen, es auf ihre Seite zu ziehen, gelegentlich dabei sogar Demut heuchelnd, beispielsweise indem sie über ihre grossen und kleinen Peinlichkeiten berichten.
"Aber ich hab dir so viel von mir erzählt!" — "Und ich wollte es gar nicht wissen."

1 Ich habe bislang die Tatsache, dass jemand einen spüren lässt, dass er eben nicht alles von sich preisgibt, dass er überlegt, wem er wo und wann was erzählt, immer geschätzt.

Mittwoch, 1. Juli 2009

Weiche Masse.

Falls der Mensch tatsächlich nur einen Teil seines Gehirns zum Denken benutzt und zwar auch der Klügste lediglich einen kleinen Teil, wozu sollte dann der grössere Teil in seinem Kopf befindlich und fortlaufend mit kostbarer Energie versorgt werden, dort Abwärme produzieren usw.? Warum ist das Gehirn im Laufe der Evolution immer noch weiter gewachsen? Eine Verschwendung der Natur? Ein mehrfaches Redundanzsystem? — Ballast zur Erreichung einer gewissen Massenträgheit, wichtig für den aufrechten Gang?

Sprüche (175)

Falls du keine Fragen, nur Antworten hast, frage dich, warum du keine Fragen, nur Antworten hast.

Dienstag, 30. Juni 2009

Tragisch.

Die Vielen tragisch? — Ihre Tragik besteht womöglich darin, dass sie heute ihre Weisheit zwar nirgends bewiesen, aber gänzlich alternativlos und aus einem vermeintlichen Selbstverständnis heraus als das Mass aller Dinge definiert haben. Nichts ist erhabener als die breite Masse, der Bürger, der Wähler, der Souverän1, nichts ist unangreifbarer (und nichts ist leichter zu missbrauchen). Ja, das ist tatsächlich tragisch.

1 wie man heute eben üblicherweise ganz offen in Singularitäten spricht, als wäre es ein untrennbares, monolithisches Etwas, ein Eines, es fällt gar niemandem mehr auf

Montag, 29. Juni 2009

Beschuldigt.

So handele ich also verantwortungslos, bin politisch desinteressiert, gleichgültig, lethargisch usw. — dummdreiste Vorwürfe und unverhohlene Anschuldigungen, wie man sie von bekennenden Demokraten erhält, vor allem in jenen inzwischen üblicherweise und systematisch hirnlosen Wahlkampfzeiten ... Nennt es meinetwegen, wie ihr wollt, ihr habt die Mikrofone und Kameras für euch, sie gehören ja euch! Dass allerdings ausgerechnet ihr mir ein schlechtes Gewissen1 einreden wollt, ein Grummeln im Bauch, einen inneren Schweinehund, nach all den Jahren, darf ich inzwischen ganz im Stillen mit Genugtuung registrieren. Ich hätte mich wirklich geschämt, wenn es anders gewesen wäre.

1 früher war wenigstens einmal von der "Verachtung des werktätigen Volkes" die Rede

Sonntag, 28. Juni 2009

Retrospektive (VII)

Die 70er waren farbenfroh und entspannt, glaubt man zeitgenössischen Bildern. Sicher, der Ernst des Lebens war noch ein paar Jahre entfernt ... Aber man war auch man selbst und die Welt gehörte irgendwie noch diesem Selbst, bis man sie später verlor, ohne es richtig zu bemerken, und noch später, viel später, mühsam zurückerobern musste.

Samstag, 27. Juni 2009

Sprüche (174)

Das Kluge seines Denkens und Handelns erkennt man daran, dass man nur weit genug herumreisen muss, um einen zu finden, der genau gegenteilig denkt und handelt, allerdings mit entschieden ebensolcher Klugheit.

Freitag, 26. Juni 2009

Begriffsklärung (XXIX)

Die Religion ist eine mögliche, und zwar eine beruhigende, vergleichsweise bequeme Antwort des Menschleins auf die Tatsache, die Welt aufgrund seines begrenzten Verstandes1 nicht als Ganzes und in alle Tiefe erfassen zu können, möglicherweise auch in dem, was er von ihr überblicken kann, allein zu sein, auch: ein endliches Leben zu haben, d.h. üblicherweise nicht unsterblich zu sein. Nicht mehr und nicht weniger. Der Bedarf nach Religion ist insofern auch ein recht aktueller Gradmesser für die Menge ungelöster, offener Fragen einer Zeit oder anders ausgedrückt: für ihr Lösungspotential.

1 Wahrscheinlich besitzt der Mensch auch ein begrenztes Herz, man kennt bislang nur kein rechtes Mass dafür.