Samstag, 31. Januar 2009

Richtig lesen (II)

Steh auf, o Osiris!
Dein Rückgrat besitzest du jetzt,
O Gott mit dem stillgestandenen Herzen!
Dein Hals ist gekräftigt, gefestigt.
Steige auf deinen Thron, o Osiris!
(Das Ägyptische Totenbuch, Kapitel 155)
Man weiss ja heute, Osiris wurde von Seth gemeuchelt, seine Leiche in Stücke gehackt und über das ganze Land verstreut, auf dass sie nicht wieder zusammengesetzt werden sollte. Die liebende Isis vermochte dies dennoch ... Vielleicht ist das Ganze allerdings auch nur eine gehörige Übertreibung, begünstigt durch die rätselhaften Hieroglyphen und die dahinter verborgenen, schwer verständlichen Gedankenbilder, und der Gott litt an nichts weiter als einem ordentlichen — Hexenschuss.

Freitag, 30. Januar 2009

Zweimal lesen.

Eine kluge Idee Schopenhauers war die, ein Buch zweimal zu lesen. Er meinte natürlich seins, im vollen Bewusstsein seiner Komplexität ... Er hatte die Erfahrung tatsächlich selbst gemacht und sie ging bei ihm so weit, dass er jenes quasi ein zweites Mal schrieb, schreiben musste, nur war es dann naturgemäss nicht mehr dasselbe. — Je mehr Bücher man gelesen und in seinem Regal stehen hat und je öfter man darin herumblättert, vielleicht lediglich aus einem Bedürfnis persönlicher Nostalgie heraus, aus Langeweile oder aber auch zu Recherchezwecken, umso merkwürdiger kommt einem vor, was man schon einmal gelesen hat, jedenfalls doch haben muss, irgendwann einmal vor vielen Jahren - vertraut und vielleicht doch nicht, nicht mehr. Die Entfremdung liegt selbstverständlich nicht im Objekt, im Text, denn dies ist ja der gleiche, vielleicht sogar noch derselbe, inzwischen vergilbte, sondern zweifelsfrei im sich entwickelnden, lesenden Subjekt. Man leiste sich darum den Luxus und lese ein Buch zehn oder 20 Jahre später noch einmal. Ein Mittel, sich selbst kennenzulernen. Und es gibt Bücher, die sind gar ein ganzes Leben lang immer wieder "neu".

Donnerstag, 29. Januar 2009

Sprüche (150)

Du sollst dich nicht gewöhnen. — Ein Schlüssel zu sehr Vielem.

Mittwoch, 28. Januar 2009

Begriffsklärung (XXV)

Man kann wohl nicht erklären, was gute Musik ist. Man kann vielleicht nicht einmal erklären, was Musik überhaupt ist. Ich halte es beispielsweise für fraglich, ob man Musik überhaupt hören können muss oder ob das Hören nicht nur eine Form der Anregung ist, Musik zu empfinden, ob also nicht beispielsweise Musik denkbar ist, die man eher sehen, riechen, schmecken oder tasten kann. Man kann es sogar noch weiter fassen: warum soll nicht auch eine Prosa, ein Gedicht, Architektur oder meinetwegen eine technische Konstruktion eine innere Ästhetik, eine Melodie, einen Klang besitzen, wofür der Begriff "Musik" nicht untauglich wäre? Und ist denn ein ausführendes Subjekt zwingend notwendig? Wie sieht es beispielsweise mit einer Landschaft aus? Einem Gesicht? Einer Bewegung? — Eine brauchbare Definition lautet darum: du wirst es merken, wenn es Musik ist. Und auch, wenn nicht.

Dienstag, 27. Januar 2009

Kurz gefragt.

Warum eigentlich muss man nicht ehrlicherweise ironisch grinsen, wenn irgendwo vom homo sapiens die Rede ist?

(Oder als Frage formuliert: welchen Gattungsnamen würden etwa herannahende ausserirdische Zoologen jenen Individuen erteilen, derer sie noch weit draussen im All auf unseren privaten Fernsehkanälen ansichtig werden?)

Montag, 26. Januar 2009

Krankheit und Leid.

Eine chronische Krankheit, von anderen für ihren unfreiwilligen Inhaber unweigerlich als Leid empfunden, adelt diesen, zumindest in ihren Augen. Eine chronische Krankheit ist etwas Handfestes, der Ernst des Lebens selbst, Schicksal, Unerbittlichkeit. Darum nimmt man auf einen Kranken Rücksicht, man erkundigt sich (nach aussen diskret, nach innen durchaus vertraulich1), man verbietet Kindern "dumme" Fragen (und allzu unbedarften Ehemännern "dumme" Bemerkungen), man macht es ihm so angenehm wie möglich, schüttelt ihm die Kissen auf, sorgt für Ungestörtheit und brät ihm die allerschönsten Extrawürste - ganz von sich aus, es gehört sich einfach so, und dies abzulehnen, ist beinahe unmöglich. Und wer bisher nichts mit dem Delinquenten zu sprechen wusste oder gar ein Fremder und ohne jedes Vorwissen ist, der hat nun zumindest ein fast unerschöpfliches Thema zur Verfügung, denn jeder kennt ebenfalls mindestens einen Kranken, bei dem damals auch usw., aber eigentlich war es bei ihm alles ganz anders ...

Das Christentum hat das Leid zum Gegenstand einer merkwürdigen, nämlich auf dem Kopf stehenden Sehnsucht2 erhoben, die vielleicht gerade heute in all unserem Wohlstand unerfüllt zu bleiben droht. Es gilt noch immer: glaubhaft Mensch sein heisst glaubhaft leiden, wenigstens leiden — nicht leiden hingegen ist unmoralisch. Wer nicht leidet (und auch nicht mitleidet), hat wohl einen grossen Teil dessen, was einst an ihm Mensch war, zumindest verschenkt, wenn nicht sogar kaltblütig umgebracht! Wer aber auf diese Weise als Gesunder schon am Rande des Zwielichtigen stand, womöglich bereits ein Ausgestossener war, hat nun, als Kranker, als vermeintlich Leidender, d.h. als die Last des allgemeinen Leids Mittragender, doch noch eine Möglichkeit, in den Kreis zurückzukehren, noch einmal aufgenommen zu werden, wenigstens auf Probe und bei guter Führung.

1 und man hütet diese gewonnene Vertraulichkeit noch wie einen Schatz
2 Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. (Mt 5,4)

Sonntag, 25. Januar 2009

Begriffsklärung (XXIV)

Wenn Zeit und Raum ein Kontinuum bilden, dann müsste es konsequenterweise nicht nur Raumschiffe, sondern auch explizite Zeitschiffe geben. Wo also sind diese Zeitschiffe? Hat je einer eins gesehen? Und wer reist darin? — Ich nenne ein Beispiel: ägyptische Königsgräber.

Samstag, 24. Januar 2009

See-Bilder (X)

Die Kreidefelsen bei Saßnitz (Rügen) an einem eiskalten Februarmorgen im Jahre 1977. Ich erinnere mich noch gut an diesen Tag. Und an die vielen bis fingergrossen Donnerkeile am Ufer. — Zu dieser Zeit lagen die Schiffe im Rostocker Überseehafen noch dicht an dicht, teilweise sogar (wie hier zu sehen) in Doppelreihe.

Freitag, 23. Januar 2009

Axiom (II)

Jedes Kriterium, das man über den Massengeschmack hinaus als unverzichtbare Anforderung an ein Produkt stellt, verkompliziert das Finden um eine Zehnerpotenz. Schon bei drei Kriterien sinkt die zur Verfügung stehende Auswahl auf ein Tausendstel und man verbraucht eine unzumutbar lange Zeit. Bei fünf Kriterien ist es so gut wie aussichtslos, ein passendes Produkt zu finden, und diese Formulierung ist noch optimistisch ...

Donnerstag, 22. Januar 2009

Kunst und Volk.

Die Kunst zum Volk, das Volk zur Kunst bringen? Kultur vermitteln? Gar die Menschen zur Kunst(-rezeption und/oder -ausübung) erziehen? Alles schwierige Fragen, weil daran heute, in Zeiten also, in denen Zuschauerzahlen, Quoten und Beliebtheiten zum einzigen Kriterium definiert werden, der kommerzielle Erfolg und damit letztendlich die Daseinsberechtigung von Museen, Kunsthäusern, Ausstellungen u.ä. festgemacht wird. — Aber einmal ganz nüchtern gefragt: wem ist damit gedient, Menschen durch Ausstellungen zu pumpen? Ist, wer dafür zahlt (und zwar nachdem er durch breit angelegte, multimediale Werbekampagnen beeinflusst wurde), auch tatsächlich an Kunst oder Geschichte oder Technik interessiert? Müssen Ausstellungsmacher heute ihre Ausstellungen zwangsläufig zum event, zum happening gestalten, d.h. zu etwas, das selbst eher, stärker und als der eigentliche Betrachtungs- und Erlebnisgegenstand1 empfunden wird und das das ursprüngliche Thema nur als Aufhänger und Kulisse benutzt? Seit ich vor ein paar Jahren im Dom von Pisa einen Fussball herumfliegen sah, bin ich davon überzeugt, dass wir eines Tages Hopseburgen und Flipperautomaten in Museen haben werden - dies wird in ein paar Jahren ein ganz ernsthaftes Erfordernis sein. In vielen Zoos beispielsweise ist dieser Punkt ja längst erreicht. — Ich lehne mich einmal aus dem Fenster: Kunstausstellungen, in die man das Volk holt, sind mir, ehrlich gesagt, suspekt.

1 ähnlich wie bei den sog. performing arts, z.B. Musik, wo der Interpret, der Star, mehr und mehr diese Rolle übernimmt und selbst zum Kunstwerk wird

Dienstag, 20. Januar 2009

Klar sein.

Schweig. Schweig am besten redend. Versuch es. Den Meisten bist du ein Narr ohnehin, ob du nun so oder so sprichst. (Und eines Tages werden sie dich drum in eine ihrer behütenden Anstalten stecken ... zu deinem Schutze!) — Einzelnen aber, jenen selbst schweigsamen Hinterbänklern und Eckensitzern mit den wachen Augen, die dein Schweigen hören können, wird es das Klarste und Einfachste und Verständlichste von der Welt sein.

Montag, 19. Januar 2009

Von der Wahrheit (II)

Was die Wahrheit betrifft, so werden wir Informations- und Maschinenmenschen (und erst recht die uns nachfolgende Generation Klingelton) nur noch einen märchenhaften Begriff davon haben und haben können: ein Wunderding aus längst vergangener Zeit, das wir bestaunen wie die Büste der Nofretete (und man weiss schon gar nicht mehr, ob sie überhaupt echt ist). Die Wahrheit ist ein Wort präinformationeller Zeitalter, und als solches bestenfalls noch von fossilen Überlebenden, (Ur-)Grossvätern, Grossmüttern und anderen Quastenflossern glaubhaft zu gebrauchen, wenngleich man schon zu und vor ihrer Zeit sowohl an der Wahrheit wie auch an der Möglichkeit zur Wahrheit zweifelte, und mit Recht! — Was bei uns schleichend an die Stelle der Wahrheit getreten ist, ist die zwar immer allerhöchst aktuelle, tatsächlich aber kümmerliche, in Form fortlaufender Schlagzeilen durch weltumspannende pipelines gepresste Kunde vom Weltgeschehen, und diese ist noch dazu bemerkenswert lückenhaft und intransparent, gefärbt, be-, ver- und umgewertet, zurechtgestückelt und zusammengepicht, verschnürt, versiegelt usw. - eine typische Manifestation des Prinzips "Quantität anstelle von Qualität".

Sonntag, 18. Januar 2009

Kontinuum.

"Ja, aber sag mal, dieses Internet ... wenn sich das ständig ändert, wie will man da je etwas wiederfinden, je etwas für gesichert halten? Das ist ja unbrauchbar! Und was ist dann eigentlich die Wahrheit?" (R.M., Telefonat)

Samstag, 17. Januar 2009

Sprüche (149)

Du sollst nicht ungefragt Hilfe leisten.

(Ein Spezialfall zweier Regeln. — Ja, nennt mich nur herzlos ...)

Freitag, 16. Januar 2009

Sprüche (148)

Für Angsthasen und -häsinnen. — Vor allem das Leben selbst ist lebensgefährlich.

Begriffsklärung (XXIII)

Ich mag nicht an den Schweizern und ihren Mundarten herumkritisieren. Ich habe immer die Vielfalt als einen Wert hochgehalten und verteidigt, auch gegenüber Deutschen, auch in der Sprache, in Begriffen, in Mentalitäten. Die Schweizer bewahren einen grossen Schatz, oft ohne es zu wissen (und manchmal sogar mit Bedauern ...) — Aber ein Wort bezichtige ich - mit Verlaub - tatsächlich ohrenschmerzvoller Gruusigkeit, und zwar das Wort "Läbbä" ("Leben"). "Läbbä" klingt in meinen Ohren irgendwie nach "läppisch", in Sachsen sagt man "labsch" (mit kurzem a, für "schlapp", "schwach", "kraftlos"), oder auch als sei es verwandt mit dem schwäbischen "Labbe" ("Lappen"). Ein "Läbbä" ist in meinen Ohren unweigerlich etwas Kleines, Unbedeutendes, mit geringer Aufmerksamkeit Bedachtes, Schwaches, Billiges, jeder hat eins, nämlich "sii's Läbbä", etwas, vor dem man definitiv keine allzu grosse Ehrfurcht haben muss. — Dabei ist, das sei der Vollständigkeit und Fairness halber erwähnt, das sächsische "Lä'm" kein bisschen besser: "Eene Gatze hat sie'm Lä'm." Drum spreche ich hier Hochdeutsch.

Donnerstag, 15. Januar 2009

Warum?

Ich sage auf eine Frage hin, ich würde gern einmal auf einem treuen Kamel den Orient durchqueren, nur mit zwei oder drei wackeren Mitstreitern und -kämpfern, darunter übrigens weiteren Kamelen ... und zwar von Casablanca bis in den Oman, dies sei ein alter Lebenstraum, vielfach bereits auf Landkarten vollzogen, und man ruft mir gleich zwiefach und mit grossen, verwunderten Augen entgegen "Warum???" — Warum? Als ob ich etwas dafür könnte! Warum fliegt Ihr nach Mallorca?

Mittwoch, 14. Januar 2009

Zur Zeit.

Man wird es in einem späteren Zeitalter für unsere Zeit charakteristisch nennen, dass wir angenommen haben, wir könnten jeden beliebigen Bedarf an Qualität mit einem hinreichenden Angebot an Quantität erschlagen, zumal an billiger und industriell hergestellter, aus China importierter. — Als ob man so etwas wie Musik industriell produzieren könnte. (Ja, man tut es trotzdem, ich weiss ...)

Dienstag, 13. Januar 2009

Einen.

Als ich einem Kanadier erklärte, in der Ostschweiz habe man auch einen Bären, er sei zwar italienischer Staatsbürger und mithin Tourist oder besser gesagt sans papier, aber immerhin ... konnte ich in seinen Augen den Gedanken lesen, welch verdammt arme, bedauernswerte Wichte diese Europeans doch sein müssen.

Sprüche (147)

Wer im Gebirge Anzeichen von Klaustrophobie verspürt — steht wahrscheinlich nicht weit genug oben.

Montag, 12. Januar 2009

Vom Vorurteil.

Das Bemerkenswerte an einem Vorurteil ist, dass es auf wackligen Füssen steht, immer, denn es beruht auf Hörensagen oder Kurzschlüssen. Und ein einziges aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat, eine Bemerkung von jemandem, der selbst nur etwas von anderen gehört hat, ein platter und überdimensionierter Fluch oder Bannspruch, d.h. ein mit simpelsten Mitteln erregter Verdacht genügt bereits und man gelangt fortan und tausend Gegengedanken zum Trotze zu einer völlig anderen, nicht mehr vorurteilsfreien Betrachtungsweise, an der oft sogar ein aufwendiges Selbststudium nichts mehr rütteln kann. Ein Verdacht ist über jeden Gegenbeweis erhaben. Auf einen einmal richtig etablierten Verdacht hin gibt es nur den Freispruch aus Mangel an Beweisen, den Freispruch zweiter Klasse also. Irgend etwas muss ja dran sein an jenem Verdacht, an jenem Makel. Es ist schon schlimm in den Verdacht eines Verdachts zu kommen. — Wer immer nur "Mäh" und "Mäh" in den Ohren hat, der sagt irgendwann selber "Mäh", und zwar aus tiefer Überzeugung, meine Damen und Herren Rasenmäher, das ist das Verhängnisvolle am "Mäh". Und man wird vielleicht eines Tages, in einem klugen Zeitalter, eine Tugend daraus machen, ein Vorurteil am Geruch zu erkennen und sich ihm nicht hinzugeben.

Sonntag, 11. Januar 2009

Vom Glück (zweiter, ganz anderer Versuch einer Annäherung)

Wer einmal eine Ahnung vom Glück erlangen will, der braucht nur einmal in die himmelblauen Augen eines Huskies zu schauen, während dieser mit heraushängender Zunge und aus Leibeskräften über ein Schneefeld fegt. So ein Hund ist in diesem Moment, für Sekunden und Minuten, ganz in und bei und mit sich und nirgends sonst.

Samstag, 10. Januar 2009

Two Tiny Pictures.

You know, I can see two tiny pictures of myself. And there's one in each of your eyes. And they're doin' everything I do. Every time I light a cigarette, they light up theirs. I take a drink and I look in and they're drinkin' too. It's drivin' me crazy. It's drivin' me nuts. (Laurie Anderson, William S. Burroughs, Sharkey's Night)

Passfotos (XVI)

Auf dem unbenannten Pass zwischen Faulhorn und Rötihorn, etwa 2500m, heute mittag.

Freitag, 9. Januar 2009

Ganz Berner.

Ich brauche immer mehrere Jahre, um mich an das Schreiben einer neuen Jahreszahl zu gewöhnen.

Donnerstag, 8. Januar 2009

Vision.

Der Proll also. Dies sei die vorläufig finale Vision menschlicher und sozialer Entwicklung, liest man. Was also ist ein Proll?

Ein Proll ist das Endstadium des Konsumenten, des in verbrauchsorientierten Wirtschaftssystemen notwendigen Massenmenschen. Ein idealer Proll konsumiert, ohne Fragen zu stellen, besinnungslos, was und so viel er kriegen kann, und zwar rund um die Uhr. Dies ist eine seiner beiden einzigen Funktionen (die andere ist seine biologische Reproduktion). Insbesondere muss ein Proll nicht mehr zwingend ein persönliches Gleichgewicht zwischen Wertschöpfung und Konsum aufweisen, was in Zukunft eine immer grössere Rolle spielen wird: er darf Werte konsumieren, ohne diese selbst zu erarbeiten, sofern man sich nämlich auf das gesellschaftliche Prinzip geeinigt hat, ihm seinen Konsum aus tatsächlich (z.B. sozialen1) oder vermeintlich (z.B. örtlichen2 oder zeitlichen3) vorhandenen Ressourcen heraus finanziell querzusubventionieren und diesen zur kollektiven Existenzbedingung erklärten Konsum - das höchste Gut! - auch politisch und sogar militärisch zu verteidigen. Dieses Proll-Merkmal trifft heute bereits auf jeden einzelnen westlichen Menschen zu.

Man wundert sich heute noch naserümpfend über das Phänomen insbesondere des "Unterschichten"-Prolls, zeigt und artikuliert sich dieser beispielsweise einmal im Fernsehen, wo er ja längst eigene Kanäle besitzt. Man wundert sich noch immer über das Gewimmel auf unseren Strassen, auf den Märkten, über immer dümmer und dümmer werdende Moden, über den sog. kulturellen Verfall, über teuer-billige Produkte, immer weiter nachlassende Kaufkraft usw. Man wundert sich und rätselt weltweit über eine gigantische Finanzkrise ... — dies alles sind konsequente, logische und notwendige Erscheinungen des westlichen Menschen, des Prolls.

1 für Arme ein Grundgedanke der Sozialdemokratie, für Reiche der simple Ausdruck ihres Lebensstils
2 ein Grundprinzip der globalisierten Wirtschaft, Leben auf den Buckeln anderer
3 Leben auf den Buckeln unserer Kinder

Mittwoch, 7. Januar 2009

Gelassenheit (II)

Gelassenheit! In vermeintlich turbulenten Zeiten wirft man gern mit allzu schnellen Worten um sich, längst wissend, dass sie ohnehin nur eine kurze Lebensdauer haben werden. Man mag also im Rahmen pseudointellektueller Schriften1 unter dem Deckmäntelchen strenger Wissenschaftlichkeit jemanden - was harmlos ist - resigniert, rückwärts- oder weltabgewandt, introvertiert oder - schon schlimmer - einen Individualisten, Egoisten, Fortschrittsleugner oder - noch schlimmer - einen Ewig-Gestrigen, Kulturpessimisten, Untergangspropheten, Apokalyptiker, Nihilisten oder schlicht: einen Bösen2 nennen, alles mehr oder weniger Bezeichnungen innerhalb der Kategorie "Nestbeschmutzer". Heute ist alles legitim.

Man darf nur dabei nie vergessen, dass dies in aller Regel parteiische Titulierungen sind, auf dem sicheren Fundament (aus dem warmen Nest) parteiischer, d.h. einseitiger, am sog. Fortschritt und dem Glauben an seinen nicht zu leugnenden Aufwärtstrend orientierter Wertmassstäbe, basierend auch auf Sitten, Moralen und Gewöhnungen, der öffentlichen Meinung, nicht zuletzt auch auf Hörensagen, auf Mutmassungen und sehr wohl zu dem letztendlich alles rechtfertigenden Zwecke schulterschliessender Selbstbestätigung. Man muss immer genau hinhören. Und man möchte immer fragen: was wisst ihr denn?, von der Welt?, von welcher Welt? von den und dem Menschen? und von euch selbst?

Gelassenheit, sag ich! Es ist das Gute an solchen Phasen, dass sie die Augen öffnen, den Kopf freimachen für Vieles, Verkrustungen aufbrechen, Optionen wieder denkbar werden lassen. Es sind letztendlich Aufbruchsphasen.

1 heute heisst es Essays oder noch moderner: Dossiers
2 ein sehr deutsches Wort (und Killerargument) heisst übrigens Wegbereiter der Nazis ...

Dienstag, 6. Januar 2009

See-Bilder (IX)

Walensee, Ostschweiz, 31.12.2008, morgens

Montag, 5. Januar 2009

Endlich!

Es gibt Bücher, seltene, böse und linkshändische, deren Kauf genaugenommen eine Bergung ist. Man nimmt sie argwöhnischen Blicken ausweichend in die Hand, befreit sie vorsichtig und noch dort in den grauen Hallen kommerziellen Ungeistes von Staub und Schmutz, denn sie stehen schon einige Jahre unbeachtet und deshalb mehrfach umsortiert, nach hinten geschoben und am Ende auch verbilligt1 als Ladenhüter im Regal, und trägt sie unter der Jacke verborgen wie einen Schatz nach Hause. — Und beide, Käufer und Verkäufer, murmeln im Stillen ein "Endlich!", nur nicht in derselben Sprache.

1 ha - als ob man sie verbilligen könnte!

Nachtrag: Ich kenne ein Antiquariat, in welchem sicher seit fünf Jahren drei gut erhaltene, schöne Bände Montaigne stehen, in originalem Französisch selbstverständlich, unverändert am immergleichen Ort, ich kenne sie schon und grüsse immer kopfnickend.