Sonntag, 31. Mai 2009

Begriffsklärung (XXVII)

Widerspruch bekommen heisst gehört worden sein.

Samstag, 30. Mai 2009

Sprüche (170)

Warum verbirgst du deine Krankheit? — Weil du anderen kein Leid - kein Mitleid - zufügen willst.

Freitag, 29. Mai 2009

Grund genug.

Für wen? Oder auch: zu welchem Zwecke? Du machst das doch nicht etwa umsonst, oder? Das sind so Fragen aus dem Nichts. Man weiss es selbst nicht, weil es schlicht keine Rolle spielt, soll aber anderen, für die das ein (und womöglich das einzige) Kriterium ist, eine hinreichende Erklärung und sogar Rechtfertigung liefern. — Etwas Tiefes steckt schon dahinter: ist irgendein Tun ohne einen Zweck sinnvoll? Wenn ja, welchen Sinn hat es? Ist beispielsweise tatsächlich ein Künstler denkbar ohne irgendein Publikum? Selbst wenn man etwas allein aus Freude tut, als Manifestation seines freien Geistes, seiner Kraft, seiner Kreativität, oder schlicht aus Langeweile, dann tut man es doch immer noch mindestens für sich und um seinem eigenen Dasein einen Sinn zu geben, das ist quasi implizit, ganz gleich wie andere dies bewerten, und dieses für sich ist Grund und Motivation genug in jedem Falle.

Donnerstag, 28. Mai 2009

Vom Leviathan.

Es ist mir, der ich auf manches achte, merkwürdig, dass einer, während er über sein Leben spricht, über Meilensteine und wichtige Ereignisse, neben den Themen Beruf und Familie ausgerechnet noch auf Eines zu sprechen kommt: die Begegnung mit einem grossen Wal, ganz von selbst und ohne übrigens im Verdacht zu stehen, allzu intellektuell oder zartfühlend zu sein. Ein Wal berührt offensichtlich jeden, unweigerlich und lange noch. Viele Menschen werden angesichts eines Wales ganz still und auf den Gesichtern liegt etwas wie ein warmer Sonnenstrahl. Und ich behaupte, es geht dabei nicht nur um seine erhabene Grösse, um seine Intelligenz, bei kleinen Walen (insbesondere Delphinen) auch um das beinahe menschliche Atemgeräusch, oder um die Gewissheit, einmal zu einer bestimmten Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein — es geht auch um etwas wie kollektives Leid und kollektive Schuld. Leid heiligt, und Schuld ...

Mittwoch, 27. Mai 2009

Sprüche (169)

Citiert zu werden ist Schmeichel und Fluch in einem. Aber zu ungleichen Anteilen.

Dienstag, 26. Mai 2009

Begegnung (V)

Man weiss einen Moment lang nicht genau, wen man vor sich hat, obwohl es beileibe kein Unbekannter ist. Aber Namen fallen zunehmend schwer, solche, die man jahrzehntelang nicht ausgesprochen, vielleicht nicht einmal mehr gedacht hat. Und dennoch man blickt in zwei nachweislich mehr als 40 Jahre alte Augen und erkennt zeitgleich mit Hilfe einer ebenso erstaunlichen wie wunderbaren Leistung des menschlichen Erinnerungsvermögens zwei solche, die einem einmal sehr vertraut waren ... Aus der Schule? Nein, aus dem Kindergarten! — Man sieht zwei Kinderaugen! Und Kinderlachen! Nur leicht in die Jahre gekommen und abzüglich einer gewissen Unbekümmertheit, genauer: Naivetät, dafür mit einem hinzugekommenen Hauch von Leid. Aber alles ist sofort wie immer, es war nie anders.

Montag, 25. Mai 2009

... und ihrer Freude wird kein Ende sein.

Freuen dürfen sich diejenigen, Herr Bognermayr, Herr Zuschrader, die nicht immer und immer wieder zwischen Gut und Böse, Segen und Fluch, Selig und Unselig, zwischen vermeintlichen Gegensätzen unterscheiden, die nicht Begriffe wie "Schuld" und "Sünde" definieren und pfleglich auf Kerbhölzern verwalten, die nicht Grenzen ziehen, sondern mutig überwinden, die das Ganze als Ganzes sehen und Stück für Stück begreifen, die die Hand ausstrecken und ausgestreckt halten.

Mittwoch, 20. Mai 2009

Hin und zurück (II)

Über süddeutsche Autobahnen Richtung Nordosten fahren ist für mich immer wie fliegen, den Boden 10000m weit unter mir, Verlassen der Reiseflughöhe erst bei Sichtbarwerden des Vogtlandes, dann Gas wegnehmen und noch ein bisschen Segeln, am Ende Ausrollen.

Dienstag, 19. Mai 2009

Hin und zurück.

Die gedankliche Ausarbeitung eines in etwa chronologischen Monologs über die wesentlichen Ereignisse der letzten 15 Jahre (inkl. einer kurzen Einleitung unter der Überschrift "Was bisher geschah" zur Anknüpfung an Vorheriges ...) sollte für acht Stunden Autofahrt durchaus genug Beschäftigung sein. Jene wird allerdings auch und noch immer, so viel steht bereits fest, die Rückfahrt in Anspruch nehmen, da das eigentlich Wesentliche natürlich nicht gesagt werden wird.

Montag, 18. Mai 2009

Kommunikation, nonverbale.

Ja, wenn einmal etwas passiert ist, dann ist das Theater immer gross. Jeder weiss dann etwas zum Thema zu sagen und sei es auch nur, seine Betroffenheit auszudrücken oder miteinander in brüllender Sprachlosigkeit zu schweigen ... Und die Waffen und die Killerspiele müssen natürlich weg, das ist ja selbstverständlich!

Wer allerdings genau hinschaut, wird nicht umhinkommen, bemerken zu müssen, dass all diese schlimmen Taten (auffälligerweise fast immer noch sehr junger Menschen) eine wesentliche Gemeinsamkeit haben: sie sind extreme und gleichzeitig hilflose Ausdrucksmittel in ihrer persönlichen Selbstwahrnehmung unsichtbar und unhörbar gewordener Einzelner, und als solche zweifellos Endpunkte einer jahrelangen Entwicklung über viele kleine Stufen und Stadien hinweg. Es gibt davon noch eine ganze Reihe harmloserer Varianten, z.B. der Beitritt zu Subkulturen inkl. der Adaption ihres jeweiligen Stils, auch Sprayen, Vandalismus usw. — es ist erstaunlich, dass man heutzutage darauf hinweisen muss: dies sind Versuche einer Kommunikation in einer konsequent immer lauter gewordenen Sprache, deren vermeintliche Notwendigkeit sich mit lange vorausgegangener, immer geringerer persönlicher wie gesellschaftlicher Aufmerksamkeit solchen Einzelnen gegenüber erklärt, von echter Anerkennung ganz zu schweigen.

So haben wir also verlernt, uns gegenseitig wahrzunahmen und zuzuhören? Womit sind wir statt dessen beschäftigt? Was kostet unsere Zeit?

Sonntag, 17. Mai 2009

Falkenaugen.

In Sonne und Mond1 mit einiger Konsequenz zwei Augen2 zu vermuten, die rund um die Uhr auf einen und alles herabblicken, war eine Idee der Not des kleinen Mannes. — Den Begriff der Freiheit zu verstehen hiesse auch, das Alleinsein des Menschen auf der Erde in seiner Rolle als vernunftbegabtes Wesen verstehen und richtig werten, auch die Banalität des Lebens mit all seiner Zufälligkeit der Geschehnisse, seiner Gleichgültigkeit dem Individuum gegenüber und daraus resultierend dem naturgemässen Fehlen jeglicher Gerechtigkeit oder Moral. Zwei unermesslich grosse Augen sind möglicherweise tatsächlich eine Hilfe angesichts derlei Ungeheuerlichkeiten.

1 zum Glück hat die Erde nicht mehrere Monde!
2 die Augen des Horus

Samstag, 16. Mai 2009

Von den Prototypen.

Einen Prototyp nicht wegzuwerfen, ihn gar, da er ja nun fertig ist ..., tatsächlich in betrieb zu nehmen, einzusetzen, Menschen zuzumuten, erfordert oft mehr Mut, mehr Schmerzen und (um einmal das einzige Wort anzusprechen, das heute irgendwie noch von Bedeutung ist) auch mehr Kosten als ihn tatsächlich wegzuwerfen und neu anzufangen, allerdings nicht bei Null neu anzufangen, wohlgemerkt. — Mut und Leichtsinn werden immer gern verwechselt: der eine hält sich für mutig und handelt leichtsinnig, der andere nennt es Leichtsinn, wo Mut gefordert wäre.

Freitag, 15. Mai 2009

Kurz gefragt.

Das Wort "Zeitmanagement" hört und/oder liest man überraschend oft (ausschliesslich?) bei Frauen. — Warum?

Donnerstag, 14. Mai 2009

Geduld.

Nicht fertig, nicht am Ende, einer Sache tatsächlich doch nicht erschöpfend auf den Grund gegangen zu sein, ist etwas Missliches, mit dem wir nur schwer fertig werden, insbesondere wenn die Dinge nach langem Ringen endlich auf der Hand liegen, sonnenklar, erklärbar, einfach — zu einfach. Geduld lernen, Ruhe bewahren, ein Gespür für Reife, für Tiefe ausprägen, allem Schnellen gegenüber skeptisch bleiben.

Mittwoch, 13. Mai 2009

Schönheit vs. Hässlichkeit.

Ich habe ein ausgeprägtes Gespür dafür, den Dingen, die ich tue, ein gewisses Mass an Ästhetik, um nicht zu sagen: Eleganz mitzugeben, wenigstens!, wie immer diese im Einzelfalle aussehen mag. Nicht aus einer persönlichen Marotte oder intellektueller Aufgeblasenheit heraus, rein aufgrund der Erfahrung, dass etwas, dem man äusserlich nichts abgewinnen kann, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch (und dort, unter der zudeckenden Oberfläche, noch grössere) innerliche Defizite aufweisen, mithin auch weder gut funktionieren noch angenehm zu bedienen noch offen für Weiterentwicklungen oder Erweiterungen noch (eine Konsequenz aus den vorangegangenen Merkmalen) tatsächlich langlebig sein wird. Man achte einmal darauf. Man kann sehr viel schlicht am Äusseren, an der Form ablesen. Gelegentlich entdeckt man solcherart Ästhetik nicht auf den ersten Blick, die Augen sind vielleicht generell kein gutes Organ zu ihrer Wahrnehmung, und in seltenen Fällen dauert es gar Jahre sich darüber klarzuwerden, d.h. vermeintlich Hässliches als tatsächlich Schönes bzw. vermeintlich Schönes, womöglich oft und vielgepriesenes, als eigentlich Hässliches zu erkennen.

Dienstag, 12. Mai 2009

Sprüche (168)

Du sollst nicht Es geht nicht lügen.

Montag, 11. Mai 2009

Keine Gewohnheit.

Wer einmal den Einfluss der Gewohnheit erleben möchte, der Routine, des anerkannt Alltäglichen, Etablierten (und darum Guten), bzw. ihr aller Ausbleiben und die breite Spanne dazwischen, der muss tatsächlich einmal das Konzert eines Jugendorchesters mit dem von "Erwachsenen" vergleichen. Es ist wirklich eine Erfahrung zu sehen, wie gross der Spielraum ist, wieviel möglich ist, d.h. welche Vielfalt auf der Stelle entsteht, sobald man sich eben nicht auf althergebrachten Bahnen und Korridoren bewegt, sobald man noch navigieren kann, noch frei ist zu handeln.
[Die Gewohnheit] ist der Grund, warum man das, was aus dem Rahmen des Üblichen fällt, aus dem Rahmen der Vernunft gefallen glaubt - Gott weiß, von wie wenig Vernunft das meistens zeugt! (Michel de Montaigne, Essays)

Samstag, 9. Mai 2009

Ende als Anfang.

Man darf darüber spekulieren, wie die weitere Steigerung der Produktivität nicht nur auf das soziale Leben, sondern auch auf den Einzelnen einwirken wird, mithin wie er mit seinen eines Tages neu gewonnenen Freiheiten und dem damit zwangsläufig verbundenen Rollen- und Charakterwechsel umgehen wird. Einer, der nicht mehr in dem Masse wie bisher arbeitet1, der vielleicht gänzlich aus dem Arbeitsprozess ausscheidet oder von Geburt an nie in diesen hineinkommt, obwohl er völlig gesund ist, wird beispielsweise auch nicht mehr in demselben Masse konsumieren. Auch dem Konsum sind objektive Grenzen gesetzt, physische, soziale und auch intellektuelle. Dem Individuum muss ja künftig systematisch freie Zeit entstehen, Zeit, die es mit irgendetwas ausfüllen muss, nicht nur, um nicht dem Gespenst der Langeweile anheim zu fallen, sondern um überhaupt etwas wie ein Mensch zu bleiben. Vielleicht ist dieser Moment erst der Anfang einer eigentlichen Menschwerdung.

1 das Wort "Kurzarbeit" ist derzeit ein Mittel in der Krise, es wird aber zwangsläufig zur Normalität werden müssen, begreift man, was steigende Produktivität bedeutet

Donnerstag, 7. Mai 2009

Schlecht vs. gut.

Jene schwierigen Fälle, in denen tatsächlich einmal einer sein schlechtes Gewissen aus seiner virtuellen Tasche ziehen und gewinnbringend anwenden müsste, sind erfahrungsgemäss viel seltener als die, in denen man sich ein solches einredet oder von anderen einreden lässt (oder es sich schon vorauseilend von anderen eingeredet wähnt), woraufhin es dann allerdings unweigerlich und ziemlich handfest sein innerlich bohrendes, morbidierendes1 Unwesen treibt ... Aber wozu? — Hab Mut zu einem guten, ruhigen Gewissen!

1 (ich weiss ...)

Mittwoch, 6. Mai 2009

Entwarnung, vorläufige.

Nein, ich muss nichts Aktuelles kommentieren. Dies ist ja hier kein Blog. Aber bemerkenswert ist diesertage schon, mit welchem Erfolg die klar berechnete und wohldosierte Provokation aus dem naheliegenden Ausland bei den VW, BMW, Audi und Mercedes fahrenden Schweizern regelmässig für tagelange Aufregung und demonstrative Empörung sorgt, ja, sogar für eine neue nationale Geschlossenheit im Angesicht des Erzfeindes. Als ob jene eben frech einen blankliegenden Nerv kitzelte. — Ich will allerdings, exemplarisch für vieles andere, für sehr vieles genaugenommen, eins feststellen: solange Schweizer Autoren ihre Bücher von deutschen Lektoren bearbeiten lassen (denn "die wüsse jå mit dr Språch no hier u då a chli bässr b'schejd") und ihre Bücher sogar in Schweizer Verlagen und Schweizer Druckereien mit dem entsetzlichen ß1 gedruckt werden, wird mit dem Einmarsch2 der Schweizerarmee in Baden-Württemberg zumindest in Bälde sehr wahrscheinlich nicht zu rechnen sein müssen.

1 "Eszett", das klingt ja schon beinahe wie "Zack-zack!"
2 Wie so eine Landeoperation über den Bodensee rein technisch ablaufen könnte, haben ja die Österreicher bereits erprobt ...

Dienstag, 5. Mai 2009

Sprüche (167)

Manche Dinge gelingen nur nachts. (Los des Kreativen)

Montag, 4. Mai 2009

Nichtsnutz.

Sag mir wo du stehst, hiess es, oft und vielstimmig. Heute lacht man darüber, aus einer Position vermeintlicher Sicherheit heraus, denn in dem bösen Lande war ja alles irgendwie anders, böse, und also heute längst überwunden und abgelöst. Zum Glück! Aber so heisst es noch, trotz und besser gesagt: neben allem, unabhängig von allem, auch wenn man es heute nicht mehr so deutlich ausspricht und am besten klug gleich ganz davon schweigt. Es ist schlicht eine Frage nach dem Grad des Zulassens von äusserer Vereinnahmung. Können wir mit dir etwas anfangen oder nicht? — Das geht dich nichts an, sag ich.

Sonntag, 3. Mai 2009

Nicht Schwein.

Selbstverständlich ist es von Nachteil, nicht glaubwürdig, nicht ohne Ironie heucheln zu können. Man sollte Kinder von vornherein darauf trainieren, sie hätten es dann leichter im Leben als etwa mit solch abstrusen Konzepten wie einem unbiegsamen, gar aufrechten Rückgrat und erhobenem Kopfe1, mit denen sie ihr Leben lang zu kämpfen haben. — Nein, man muss nicht Schwein sein, das ist etwas für die wenigsten. Wenn man zu den Vielen gehört, muss man Aal sein, besser noch Wurm, es ist schlicht eine Überlebensstrategie.

1 die Aufforderung "Kopf hoch!" erscheint oft mit dem Zusatz "und Zähne zusammenbeissen!" - eine hübsche, kleine Heuchelei

Freitag, 1. Mai 2009

Bedarf und Bedarf.

These: Immer dann, wenn jemand erklären muss, dass an etwas neuerdings grosser Bedarf bestehe und deshalb umgehend Massnahmen zu dessen Deckung ergriffen wurden (oder werden müssten), ist dieser Bedarf allerhöchst bedenklich, nämlich im Verdacht, eine Luftblase zu sein.