Montag, 30. November 2009

Nationalbesitz.

Solange man als Einwohner eines Landes, das einen sog. Tennisspieler besitzt1, noch einer Runde beiwohnen kann, die in einer Sprache, derer man nur teilweise mächtig ist, fachmännisch eine ganze Stunde lang über dessen vorletzte(s), letzte(s) oder nächste(s) Spiel oder Saison, seinen Gesundheitszustand2 oder seine Trainingseinheiten3, seine künftigen Gegner oder ähnlich wichtige Fragen referiert, muss die Welt einfach noch in Ordnung sein. Das ist ein sicheres Zeichen. Man hat noch Musse, die Probleme sind offensichtlich gelöst, das Leid drückt nirgends allzu arg. — Sein wir froh, dass wir ihn haben. Es ginge uns furchtbar, wäre es anders ...

1 "besitzen" kommt tatsächlich von "darauf sitzen"
2 es ist unglaublich, was andere alles wissen, bis ins letzte Detail, als wäre es ihr eigener Körper
3 letzte Woche haben zwei gefehlt!

Sonntag, 29. November 2009

Begriffsklärung (39)

Einen, der sein Hirn gebraucht, der eigenständige Lösungen sucht und findet und umsetzt, der auf Vielfalt und Eigen-tum besteht, der experimentiert, dabei auch scheitert, noch einmal neu beginnt und noch einmal neu scheitert und doch noch einmal beginnt ... der nicht einfach glaubt, sondern fragt und hinterfragt und prüft und zweifelt, nennt man heute zielstrebig, selbstverständlich und mit gutem Gewissen einen — Querkopf.

Donnerstag, 26. November 2009

Community.

Ein beinahe schon sicherer Weg zur Unkreativität infolge Vertrödelung von Zeit lautet (Achtung!) — community. Man beobachte sich und andere einmal, womit, mit wem und wie produktiv man dabei seine Zeit verbringt, und insbesondere auch, was am Ende dabei herauskommt. Man frage einmal Leute, die über chronischen Zeitmangel klagen, nach der Ursache. Man wird es vielleicht eines Tages noch als Fähigkeit schätzen lernen, sich selbst diesbezüglich zu disziplinieren. — Ein Hinweis an all die überzeugten Protagonisten von Web 2.0-Geplapper, team work, brainstorming, networking und was man sich heute noch alles so an modernen Begrifflichkeiten ausgedacht hat.

Mittwoch, 25. November 2009

Suchen und Finden (II)

Mit Verlaub, jeden Tag sucht mindestens einer hier "Тill Еulenspiegel Sрrüсhe". Es ist mir völlig rätselhaft. Eines Tages wird man noch "Marcel Marceau Sprüche" suchen. — Und finden!

Dienstag, 24. November 2009

Begriffsklärung (38)

Man ist "begeistert", nicht aber "begeistet". Man zeigt "Begeisterung", nicht "Begeistung". Warum? — Das Volk spricht schon recht genau das aus, was es meint. Geister sind allemal wahrscheinlicher und sicher auch leichter nachzuweisen als Geist, letzterer vermehrt sich zudem nicht einfach so nach Art einer Infektion von aussen, man wird zu ihm verlanlagt, andere begeisten ist etwas sehr Schwieriges.

Montag, 23. November 2009

Solche und solche Ziele.

Für richtige, lebendige Menschen entwickeln heisst nicht selten gerade das als wahrscheinlich und wichtig und unverzichtbar annehmen, was man für völlig ausgeschlossen hält, das vermeintlich Nutzlose, Überflüssige, Irrelevante, Alberne, den Kinderkram und Pippifax. Man kann sogar klugerweise gleich damit anfangen, um sich von vornherein Akzeptanz und Aufmerksamkeit zu sichern. Jenes andere, das Eigentliche und Tiefe, muss man heimlich nach- und unterschieben und man bleibt vielleicht der einzige, der sich daran freut.

Samstag, 21. November 2009

Im Nebel stochern.

Gar nichts ist entschieden. Und man darf darüber spekulieren, was die Aufklärung dem Menschen nach über 200 Jahren nun gebracht hat, ob man sie etwa als gescheitert ansehen müsse, ob sie erst noch stattfinde usw. Tatsache ist, und zwar trotzdem nun auch Atheisten öffentlich Präsenz zeigen1, dass der überwiegende Teil der Menschheit seine Antworten nach wie vor aus dem Irrationalen und Fiktiven schöpft2. Antworten zu haben stellt offensichtlich selbst schon einen Wert dar, einen grossen und wichtigen, einen elementaren, ganz gleich, welchen Inhalts diese sind. — Wer darauf nicht bauen kann (und will, und darf), muss sich vor allem darüber klar werden, dass es auf viele Fragen keine rationalen Antworten gibt, dass der suchende Griff nach etwas Festem womöglich selbst im Unendlichen keinen Halt finden wird, geschweige denn in jenem begrenzten Raum, den zu erfassen man üblicherweise in der Lage ist. Der Atheist ist der ohne Antworten, der im Nebel stochernd nur in neuen Fragen antwortet, der genau deshalb dem überwiegenden Teil der Menschheit kindisch, lächerlich und suspekt vorkommt. Und dass er womöglich sein Dilemma noch gar nicht erkannt hat und erkennen will, ist wohl auch für ihn selbst nicht ernsthaft als irgendeine Form der Selbstbestätigung akzeptabel. Atheist sein heisst folglich mit diesem Phänomen der absoluten Boden- und Fundamentlosigkeit umgehen lernen, auch dem der Begrenztheit seines Verstandes, in aller Konsequenz ein einsames Massepünktchen im Geist-Raum sein, schwimmen, wie immer man es nennen will. (Und ja, das ist etwas grundlegend anderes, als sich einfach ein System kurzer, schneller Gegenantworten zurechtzulegen.)

1 eine Folge des Erstarkens des Islams, auch neuerdings vor allem der sog. Evangelikalen sowie einer breiten Hinwendung zur religiösen Beliebigkeit, d.h. zur Esotherik, zur Parapsychologie, zur Astrologie sowie allerlei Mischformen und Abwandlungen

2 ein ausdrücklich kreativer Prozess

Freitag, 20. November 2009

Finster.

Unzivilisierte Völker vergangener (also finsterer) Zeitalter schleiften bisweilen die Leichen ihrer toten Feinde mit Pferden durch die Gassen ihrer Städte, im Jubelrausch und Siegestaumel, zum Zwecke der Entladung aufgestauter Emotionen. — Wir tun das heute mit denen unserer sog. Prominenten. Man bangt inzwischen beinahe um jeden Tag, dass nicht wieder einer ...

Donnerstag, 19. November 2009

Sprüche (194)

Es ist gut, dass PCs keine Räder und keine PS-starken Motoren haben. — Auf unseren anderenfalls wahrscheinlich sehr schnell überfüllten Friedhöfen würde es noch von unter der Erde tönen "Nein, ich hab gar nichts gemacht!!!"

Mittwoch, 18. November 2009

Sprachvakuum.

Ein Phänomen, das seit der Geburtsstunde multimedialer Betroffenheit, dem Tode Dianas, zunehmend festzustellen ist, ist, dass sich das Menschlein offensichtlich immer dann besonders viel und mit Inbrunst mitzuteilen versucht, wenn es besonders sprachlos ist. Es spricht dann also in etwas anderem als Sprache, in einem Sprachvakuum, oft ausgelöst und begünstigt durch kollektive Hysterie, je grösser umso mehr. Man kann ein Ohr dafür entwickeln. Nein, heute ist nichts mehr unmöglich, nichts peinlich, nichts banal genug, um nicht doch noch vor Kameras und Mikrofonen breitgeplappert, investigativ hinterfragt und weichgekaut zu werden. Alles ist ja menschlich, auch Emotionen, auch Selbstvergessenheit, auch Gelaber und - spätestens seitdem Freiheit vor allem Toleranz bedeutet - insbesondere auch Beliebigkeit.

Dienstag, 17. November 2009

Navigation.

Gewöhnung? — Mach ein Experiment: betrachte eine Landkarte verkehrtherum1 oder in irgendeinem Winkel. Sei Flugzeug und versuche, dich zu orientieren. Dann siehst Du, was Gewöhnung ist, was freier Geist. — Und wir wollen zum Mars!

1 Es gibt gar kein "verkehrt", du Held!

Montag, 16. November 2009

Authentisch?

Dass ein sog. Philosoph den anderen mit verfinsterter Miene einen Spitzbuben, Scharlatan und miesen Betrüger nennt — alles andere wäre ein Anlass zu Besorgnis, wenn nicht zu ernsthaftem Misstrauen. Wie wollte man sonst authentisch bleiben?

Sonntag, 15. November 2009

Sprüche (193)

Besiege dich selbst. — Du weisst, wie es gemeint ist.

Samstag, 14. November 2009

Verhaftet.

Wenn in tausend Jahren ein neuer Spengler darüber nachdenkt, was da dieses merkwürdige Zeitalter, das sich als so mächtig verstand, der Zeit selbst und zwar anlässlich seines Beginns fortan ein Jahr Null einzuräumen, im Vergleich mit früheren historischen Zeitaltern dem Menschen so alles gebracht habe, so wird er nicht umhinkommen, mit gerunzelter Stirn bemerken zu müssen, es habe nicht unwesentlich den Einzelnen sich selbst entfremdet, ihn statt dessen zur Masse hin geöffnet, die Masse überhaupt ersteinmal definiert, geschaffen und gefestigt. Das Menschlein, um nicht in jener (heute und durch das Heute erst!) antiquierten Kategorie des Individuums zu sprechen, ist jetzt zwangsläufig und unentrinnbar in seiner kollektiven Mehrfachfunktion als Konsument und Wertschöpfer, Steuerzahler und Staatsbürger, Medienrezipient, Autofahrer, aufgrund der industriellen Nahrungsmittelproduktion selbst als Esser immer und in jedem Augenblick Teil der Masse, des Ganzen, ihr verhaftet und verpflichtet, und nur innerhalb ihrer Grenzen und durch sie u.a. auch berechtigt. Es lebt in der Masse von seiner Geburt bis zu seinem Tode, es lacht mit ihr, es weint mit ihr, es ist sicher mit ihr, es fürchtet sich mit ihr, und wehe, es kommt womöglich noch auf Gedanken ... Die Masse zwingt es, ganz gleich ob durch religiöses Dogma, politisches Diktat oder soziale und kulturelle Vereinnahmung. Träumen darf es selbstverständlich wovon es will. Im Traum ist es noch Individuum, aber dies dürfte nicht unwesentlich der Tatsache geschuldet sein, dass man von aussen eben nur schwer an die Träume eines Einzelnen herankommt, so interessiert Marktforscher und Politiker allerdings daran schon sind ...

Donnerstag, 12. November 2009

Sag es.

Sag, was du willst. D.h. auch: wisse, was du willst. Nein, beginne nicht Sätze mit "Man müsste ...", "Man könnte ...", "Es wäre gut, wenn ...", also unter Entpersonifizierung des Subjekts, auch gut: die Verschiebung des Subjekts und damit der Last des Wollens auf andere: "Du wolltest doch noch ..." — sag, dass und was du willst, oder schweig! Aber wenn du schweigst, dann denk nicht, man errate dein Wollen, und insbesondere leide nicht auch noch daran, dass man dies tatsächlich nicht tut.

Mittwoch, 11. November 2009

Nicht in Ruhe.

Andererseits - bei ungenügender Reife - tritt ein Phänomen auf, das man als Blütelosigkeit beschreiben kann, eine Folge zu hohen Einflusses der Notwendigkeiten des Marktes auf eine Entwicklung, des Taktierens, der Gier, der Ungeduld, auch des Unverständnisses. Die Früchte bleiben klein und sauer. Man versucht mit Quantität zu kontern, mit lustigen Formen, neuen Namen. So entstehen Modewellen in schneller und immer schnellerer Abfolge anstelle von tatsächlich entwickelten Stilen. Wir haben heute keine Stile mehr. Das Wort "Stilblüte" ist ja ein ironisches! Marketing ist (es wird darin oft bis zur Gegenteiligkeit verkannt) genaugenommen ein kontrakreatives, d.h. morbides Element.

Dienstag, 10. November 2009

Ganz in Ruhe.

Ein Gespür für den richtigen Zeitpunkt haben, warten können, nicht eilen, das Reifen und Ausreifen als etwas Schätzenswertes begreifen, es ganz in Ruhe vor sich gehen lassen. — Sich und die eigene Ungeduld zügeln spart u.U. eine Menge an Ressourcen, vor allem Kraft, Zeit und Nerven, und bringt ein kleines bisschen Vorfreude.

Montag, 9. November 2009

Schlecht informiert.

Es ist bemerkenswert: das Netz greift nach einem. Die meisten Menschen merken davon nichts. Sie wissen nicht, dass längst dies und jenes von ihnen öffentlich bekannt und sogar schon mit anderem kombiniert ist, das gar nicht zu ihnen gehört (sondern zu anderen Menschen gleichen Namens, sofern dieser eben nicht hinreichend ungewöhnlich ist), dass diese Daten gezählt, gelistet, fein säuberlich gepflegt und immer und immer wieder neu (vor allem zusammen mit neuer Werbung) präsentiert werden. Auf diese Weise entstehen langfristig virtuelle Identitäten, die Teile mehrerer physischer Personen abbilden, die allerdings jeder einzelnen übergestülpt werden. Und diese stellen als Datenbestand offensichtlich auch einen Wert dar, zumindest für Adresshändler, Spammer, Versicherungsvertreter und Umfragensteller (alles wichtige Leute). — Wir werden eines Tages noch staunen, was sog. "Personensuchmaschinen" bereits alles von uns wissen - gar Dinge, die wir bislang selber noch nicht wussten. Man ist halt einfach schlecht informiert. Und dann beweise man erst einmal das Gegenteil!

Sonntag, 8. November 2009

Begriffsklärung (37)

Ein Naturgesetz ist eine von jenen Wahrheiten1, für die man seit ihrer Aufstellung innerhalb ihres Geltungsbereichs2 noch kein hinreichendes Gegenbeispiel gefunden hat, ein Axiom also. Das Postulat des Gesetzescharakters ist eine anmassende und selbstherrliche Hinzufügung des faustischen Menschen — und eine lächerliche, wenn er sich eines Tages revidieren muss.

1 d.h. befristet als richtig angesehenen Erkenntnissen
2 d.h. ausschliesslich mit Hilfe naturwissenschaftlicher Mittel und Methoden

Samstag, 7. November 2009

Lebensträume (II)

Im Herbst den Störchen folgen. Einmal nur, aber bis zum Ziel. Sehen, welche Route sie nehmen, wie sie über die Berge, über das Meer kommen, wo das Ziel überhaupt ist und was sie dort treiben1, ob sie zusammenbleiben usw. Das wäre einmal ein Projekt nach meinem Geschmack.

1 sie haben ja dort keine Nester, oder?

Freitag, 6. November 2009

Sprüche (192)

Du willst Aufmerksamkeit? — Leide in aller Öffentlichkeit. Der Effekt ist verblüffend: Leid adelt.

Donnerstag, 5. November 2009

Zwischenfrage.

So ist also der mündige Bürger unter den Bedingungen des Informationszeitalters doch nur ein Plapper- und Nachplappermaul? — Aber wie konnte denn das passieren? Es war doch alles nur gut gemeint!

Mittwoch, 4. November 2009

W = f(L)

Eine wesentliche Funktion des Fernsehens besteht offensichtlich darin, dem Zuschauer zu zeigen, dass und wie gut es ihm geht. — Man sollte einmal zu Recherchezwecken täglich die Anzahl der Toten in "brisant" (ARD) ermitteln und in einer Kurve darstellen. Heute waren es 16, wenn ich richtig gezählt habe, in 45 Minuten, dazu noch ein paar Schwerverletzte1,2. Man könnte ernsthaft diese Kurve anderen Kurven gegenüberstellen, beispielsweise der allgemeinen Stimmung im Land, und würde womöglich noch Korrelationen bemerken. — Man kann die Funktion des Gaffens genaugenommen gar nicht hoch genug bewerten.
W = f (L) — mit W für "Wohlbefinden" und L für "fremdes Leid"
1 Ich bin überzeugt, wenn zufällig und dummerweise einmal tagesaktuell nicht genügend Substanz zur Verfügung steht, dann haben die noch sprichwörtlich ein paar Leichen im Keller.
2 Man muss übrigens im Fernsehen immer aufpassen, wenn jemand konstatiert, man sende "überwiegend eigenproduziertes Material" ...

Dienstag, 3. November 2009

Sprüche (191)

Sei mutig. Lach über dich selbst.

Montag, 2. November 2009

Night in Jasper.

Als der Soldat Müller, der gewohnt war, ohne weiteres an einen Baum gelehnt im Wald, im Gras, auf Moos, sogar noch mit offenen Augen zu schlafen, über sich nichts als den klaren Sternenhimmel, sich nachts plötzlich in einem Land voller Bären wiederfand - es war ihm bei seinen nächtlichen Spaziergängen, auf denen er statt wie dereinst mit einer Kalaschnikow nur noch mit einem Schweizer Taschenmesser bewaffnet war, durchaus etwas wunderlich zumute. Allerdings mochte er letztere Nächte ebenso wenig missen. — Man besitzt eine ganz eigene Art von Aufmerksamkeit, wenn man potentiell mit etwas konfrontiert wird, das man nicht im mindesten in seiner Gewalt hat, d.h. wenn man nicht sicher ist. Aber genau dieser Aufmerksamkeit bedarf man eigentlich immer.

Sonntag, 1. November 2009

Sonntagsradio.

Ist es nicht irgendwie wirklich schon sehr merkwürdig, wenn man an einem sonnigen Sonntag Morgen - nichtsahnend und aus Forscherdrang - den Mittelwellenbereich seines Autoradios durchläuft und dabei auf die Übertragung eines Gottesdienstes stösst, und zwar auf 666 kHz!? — Das Leben verlangt einem nicht nur oft ein gehöriges Mass an Ironie ab, es selbst ist gelegentlich Ironie auf sich selbst.