Mittwoch, 31. März 2010

Handgezeichnet.

Alte Karten sind ja immer interessant. Man fragt sich stets, wieviel der Zeichner von diesem oder jenem gewusst haben kann und tatsächlich haben mag. Diese Karte besitzt 1522 bereits ganz modern anmutende Breitengrade am linken Rand, obwohl man offensichtlich noch von einem grossen Zusammenhang der Landmasse der ganzen Welt ausging. Der Pazifik ist noch nicht existent, die rechte Seite ("India superior") gänzlich Fantasie. Offenbar war das Schiff von Magellan von der ersten Weltumsegelung noch nicht zurück (06.09.1522). - Über ganz Nordafrika steht schlicht "Barbaria", obwohl diese Barbaren über Jahrhunderte den Europäern überlegen waren und grosse Teile Europas (Iberische Halbinsel, bis nach Südfrankreich hinein) besetzt hatten ...

Dienstag, 30. März 2010

Nicht dazwischen.

Der dümmste Ort ist immer zwischen zwei Fronten. Weder richtig hier, noch richtig da, aber von beiden Seiten unter Beschuss. — Wer zu keiner Seite gehören will, muss sich auch noch von dem Dazwischen fernhalten, im Falle von Schwarz und Weiss also von allem Grau. Nur zu, Schlaumeier.

Montag, 29. März 2010

Alles super.

Die Feststellung eines Superlativs ist immer relativ, man könnte auch sagen: subjektiv. Der Superlativ bezieht sich immer auf den Horizont des jeweiligen Subjekts, auf nichts anderes, auf eine Beschränktheit also — auch und gerade in tumben Zeiten, in denen man nicht müde wird, dem Menschlein Superlativ auf Superlativ einzuhämmern und diesen sogar noch weiter zu steigern.

Samstag, 27. März 2010

Sprüche (208)

Ein weisses Hemd ist immer eine Verkleidung, immer gelogen, sogar wenn ich selbst eins anziehe.

Freitag, 26. März 2010

Keime legen.

Lesen ist immer ein Erkennen, genaugenommen ein Wiedererkennen, noch genauer ein Stimulieren des Wiedererkennens. Man liest immer die Dinge am besten, betreffs derer man irgendwo einen abgelegten, versteckten Gedanken hat, d.h. zu denen man wenigstens einen kleinen Keim in sich trägt, und sei dieser auch erst ein paar Minuten alt. Ansonsten bleibt es unverständlich, unfruchtbar und wahrscheinlich langweilig, als lese man einen Text in vertrauten Buchstaben, aber einer unbekannten Sprache.

Donnerstag, 25. März 2010

Gefiltert.

Bedenkt man, was ein wacher Geist an wesentlicher Beschäftigung den Tag über so treibt, man käme womöglich zu dem Schluss, es sei primär das Filtern von Informationen, das Aussortieren und Abwehren vermittels einer porzellanharten Schale, konkret gesprochen, erst danach auch das An- und Aufnehmen, das Einsortieren und Verarbeiten und vielleicht erst an dritter Stelle auch das eigene, kreative Denken. — Die Fähigkeit des Gehirns zur selektiven Wahrnehmung, offenbar bereits weit vor der Bewusstwerdung darüber, ist ganz offensichtlich beträchtlich. Wir könnten sonst nicht existieren.

Mittwoch, 24. März 2010

Zahlen oder nicht.

Mich begeistert immer die gespielte Ahnungslosigkeit von Journalisten und selbsterklärten Medienmachern darüber, dass niemand mehr1 bereit sei, für ihre Produkte zu zahlen. Nun verweigere der Medienrezipient auch immer öfter noch die wichtige Werbung, die man ihm in seinem Interesse - er wolle ja schliesslich ein Medienangebot - notgedrungen unterbreitet, und zwar frech auch noch je mehr er solche Angebote nutze. — Da war er wieder, jener oft gehörte Gedanke, undifferenzierte Massenwerbung2 als Finanzierungsquelle, als letzte und also auch beste Möglichkeit für nicht weniger als alles, frei von jeder Selbstreflexion und Selbstkritik, frei sogar von auch nur einem stillen Blick auf das eigene Erzeugnis im Vergleich mit anderen, den Finger immer von sich weg gerichtet, und vor allem gänzlich frei von Begriffen wie Qualität, Transparenz, Ehrlichkeit, Standpunkt, Würde, Tiefe. Solche Begriffe tauchen in Finanzierungsfragen nie auf, es sei denn negativ besetzt, als Kostenfaktoren also (und wer will schon Kosten!?) ...

1 Man nennt derzeit Zahlen von noch 13% der Konsumenten, Tendenz sinkend.
2 Nebengedanke: Wenn man also künftig keinen Medieninhalt egal welcher Gestalt mehr ohne Werbung bekommt, dann verschmelzen die Begriffe, sie werden synonym und am Ende sogar ein und dasselbe, die Werbung wird selbst zum Produkt. Solche Fälle gibt es ja längst: die Dauerwerbesendung, eine konsequente Verschmelzung von Werbung mit Unterhaltung.

Dienstag, 23. März 2010

Zweierlei solche.

Man mutmasst unzureichend: ein Freund sei einer, der einen mag — ein Freund ist hingegen oft nicht unwesentlich einer, der die besten Rüstungen und schärfsten Waffen hat, sich unserer zu erwehren. (Zusatzfrage: was ist also ein Feind?)

Montag, 22. März 2010

Hinab.

Einmal vorausgesetzt wir lebten tatsächlich in einem kulturellen Niedergang, der vielleicht in einer nach wie vor technisch hochstehenden, aber kulturell, intellektuell, künstlerisch und ethisch verwahrlosten Zivilisation quasi unendlich langsam dahinsiechte (ich lasse das offen ...), so besteht unsere grosse Zurückhaltung vor dieser Vorstellung offensichtlich nicht unwesentlich in unserem anmassenden Selbstverständnis, nämlich dem, dass wir die höchste (und also beste) bisher vom Menschen hervorgebrachte Kultur seien, die menschlichste, die klügste, die sicherste, kurz: eine, nach der eigentlich nichts anderes mehr denkbar ist. Eine offene Frage ist, ob das ein Ägypter oder Römer der rechten Zeit nicht auch felsenfest gedacht haben mag.

Sonntag, 21. März 2010

Sprüche (207)

Die zuverlässigste Art, sich einen Feind zu machen, ist — ihm vor aller Augen ein klein wenig seiner Macht zu rauben.

Freitag, 19. März 2010

Völlig umsonst.

Dass der Soldat Müller an ruhigen und heiteren Sonntagnachmittagen des Jahres 87 gelegentlich pflegte, mit seiner Truppenschutzmaske SchM 41 vom Fensterbrett hinaus auf die Strasse vor der Kaserne zu schauen, um dort mit seinem Anblick Kinder, Besucher, Spaziergänger und flanierende Offiziersgattinnen zu beglücken, war nicht etwa, wie er seinerzeit selbst glaubte, ein rechter Ulk nach Soldatenart, sondern letztendlich aufrüttelnde, systemkritische Aktionskunst, ein Spiegel, der das Publikum auf sich selbst zurückwerfen sollte, ein stummer Protest vom Innen ans Aussen, an was für ein Aussen nämlich, für das man eine Maske brauchte?! — Da sich jedoch (wahrscheinlich wegen der hohen Subtilität des Projekts und dessen leider allzu gründlicher Stummheit) auch auf der anderen Seite niemand darüber so richtig bewusst wurde, reagierte man mit ebenso stummen, mitleidigen, wenn nicht gar vorwurfsvollen Blicken, etwa wie Schafe schauen, wenn man vor ihnen den Faust rezitiert. Kunst ist nicht jedermanns Sache.

Donnerstag, 18. März 2010

Der Form genügen.

Manchmal entdeckt man einen Menschen, der sich nicht zweckmässig zu verhalten scheint: umständlich, kompliziert, womöglich auch entgegen einiger Logik, die man ihm durchaus zutrauen würde, einfachste Dinge nicht erkennen wollend, andere, merkwürdig untaugliche bevorzugend. Er besitzt Impulse, die offensichtlich nicht problemgetrieben sind, sondern eine verborgene, andere Quelle haben. Und dann wird man gewahr: es ist ein Formalist - er hält sich tatsächlich und mehr als andere an ein ihm fundamentales Gerüst aus Formen und Regeln, dessen Anerkenntnis ihm viel und hoch gilt. Das Sehen, das Begreifen, das Erkennen von Notwendigkeiten, am Ende auch das Denken selbst in Regeln, Methoden, Begriffe und Notationen gepresst, aus denen es für ihn kein Entrinnen gibt. Jede Anfrage aus der Realität verursacht zunächst einmal den Versuch einer Synchronisation im Regelwerk, die Antwort kommt von dort und dementsprechend. So entsteht ein kleines, privates Dogma, insbesondere wenn er die Regeln, die sicher einmal tauglich waren, (vielleicht im Auftrag und im Interesse der Allgemeinheit) selbst aufgestellt, liebevoll gepflegt und mehrfach erweitert hat, wenn also Herzblut dran klebt. Und es wird umso schwieriger, je länger dies Gültigkeit hatte, denn was bewährt ist nimmt mit der Zeit an Wert zu. — Offenbar tendiert jedes Regelsystem mit der Zeit zu Erstarrung und Verkrustung. Das Problem des Formalisten ist, dass er den Moment nicht mitbekommt, an dem es (und damit er) sich verselbständigt und von den Erfordernissen der Realität abkoppelt. Er begreift es dann selbst als Zweck, anstatt als Mittel zum Zweck.

Mittwoch, 17. März 2010

Von der Empörung.

These: Ein wesentliches Merkmal echter, sozialer Integration ist es, von lokalen Zorn- und Empörungskollektiven anerkannt zu sein. — Sollte es wirklich stimmen, dass Gruppen sich anhand eines definierten, äusseren Bösen manifestieren, so sind das Erkennen und Anerkennen des jeweiligen Bösen, die öffentliche Empörung und Entrüstung, das Ballen der Faust wahrscheinlich sogar erstrangige Möglichkeiten und Fähigkeiten, an einem fremden Ort anzukommen, sich einzubringen, d.h. genau dasjenige persönliche Potential offenzulegen, das für die betreffende Gruppe noch am ehesten interessant wäre. Und wenn ich es richtig beobachtet habe, dann erhält man tatsächlich auch entsprechende Angebote. Um also einen Imperativ daraus zu machen — Empöre dich!

Dienstag, 16. März 2010

Auf der Flucht.

Da stehst du nun, du Held. Frei geworden, überraschend. Nicht ganz ohne Kampf, selbstverständlich, das gehört sich so, aber nicht zuletzt auch durch Zufall, durch Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit bei den Wachen, ganz abgesehen von den durchgerosteten Gitterstäben. Ein bisschen riecht die Freiheit noch wie früher, du erinnerst dich. Aber nach den langen Jahren des Kerkers sind nun die ersten Schritte doch wieder ein Abenteuer. Wohin? Wie weit? Und überhaupt: wie? Auf eigenen Beinen etwa? War der Kerker nicht auch — sicher?

Montag, 15. März 2010

Moderne Not.

Es gibt einen seltsamen Schlag unter kleinen Menschlein, der sich bemerkenswert konsequent an andere klammert. Gerät man einmal durch irgendeinen Umstand1 in das Umfeld eines solchen ... man meint, man sei eigentlich nur noch für ihn da - und er meint das ebenso, mit innerer Selbstverständlichkeit. Und es geht dann meist weniger um Problemlösungen, es geht allein ums Zusammen- und Nicht-allein-Sein, um Zuwendung und Nähe, ums Zuhören, ums Mitleiden, ums Händchenhalten. Dort liegt oft die eigentliche Not des Herdentiers, nachdem seine physischen Nöte gelöst sind.

1 Das geht oft schneller als man denkt, beispielsweise im Arbeitsumfeld, aber auch im Verhältnis zwischen Dienstleister und Kunde oder unter Verwandten, Bekannten, Nachbarn.

Freitag, 12. März 2010

Sozialstudien, leider nicht durchgeführte.

29% der Amerikaner wollen schon einmal in Kontakt mit Toten gestanden haben, 28% sogar schon einmal einem Toten begegnet sein. — Mich würde nun (in Nachfolge des seinerzeit auffällig gehäuften Auftretens von lila Kühen auf Kinderzeichnungen) einmal interessieren, wieviele von diesen Toten eigentlich Vampirzähne hatten.

Donnerstag, 11. März 2010

Von der Überzeugung.

Überzeugung resultiert immer aus einem Mangel an Wissen, entweder über ihren Gegenstand oder über dessen Gegenteile, Konkurrenten und Alternativen. - Man meint oft, es müsse doch eigentlich andersherum sein, d.h. jemand, der von etwas wirklich überzeugt ist, wisse besonders viel davon, so viel, dass er sich sicher sein könne, und umso mehr, je mehr er für seine Überzeugung eintritt. Oft stecken allerdings ganz andere Phänomene dahinter. Wir lassen uns nur allzu leicht mit einfachen Wahrheiten übertölpeln. — Ein Hinweis auf meine Behauptung steckt beispielsweise darin, dass politische und/oder religiöse Überzeugungen sehr oft in der Jugend entstehen und dann besonders glühend sind. In der Jugend ist ja jeder Kommunist1. Auch Soldaten müssen vor allem jung sein, um ihr Leben mit Überzeugung einsetzen zu können. Später, mit fortgeschrittener Reife, mit gewachsener Erfahrung lassen einstige Überzeugungen ganz wesentlich nach, Zweifel setzen ein. Man sieht auch anderes, d.h. auch Gutes im anderen, auch Schlechtes im eigenen, von dem man bisher überzeugt war. Die Welt ist dann nicht mehr einfach schwarz und weiss.

1 sinngemäss nach Willi Brandt

Mittwoch, 10. März 2010

Abschreibung.

Wie sehr wir in unserer Wahrnehmung über unsere westliche Lebensweise und uns selbst danebenliegen, zeigt unser Blick auf die gesellschaftliche Verschuldung - ein Phänomen in so gut wie allen westlichen Volkswirtschaften. Heute bezeichnet man (Journalisten, Politiker, selbst Wissenschaftler und Ökonomen) schon beinahe systematisch nur noch die Neuverschuldung als Verschuldung, d.h. lediglich einen Haushalt, der selbst neue Schulden macht, noch als Schuldenhaushalt. Es ist synonym geworden. Die unvorstellbaren, über Jahrzehnte aufsummierten und tatsächlich vorhandenen Verschuldungen blendet man konsequent aus, sie beunruhigen nicht mehr, man hat sich daran gewöhnt und wir alle können ganz gut damit leben. Wenn man beispielsweise Journalisten darauf hinweist, müssen diese erst einmal überlegen, wie man das meint. Es ist ein buchhalterischer Trick, eine Art Abschreibung, allerdings eine in die Zukunft: bei gesellschaftlichen Aufwendungen beträgt die Abschreibungsfrist genau ein Jahr, nämlich bis zum nächsten Haushalt. Danach sind sie vergessen, ganz egal, was passiert.

Dienstag, 9. März 2010

Für niemanden (II)

Ich schreibe für mich selber: und welchen Sinn hätte Schreiben in diesem zerschriebenen Zeitalter? wenig: denn abgesehen von den Gelehrten versteht Niemand mehr zu lesen, und auch die Gelehrten ––– (Friedrich Nietzsche, Fragmente, 1883)
Ich muss mich immer wundern über solch beängstigend präzise Äusserungen, die allerdings weit über hundert Jahre alt und damit also höchst aufmerksam, feinfühlig und weit vorausgedacht sind. – Wie müsste man also erst recht unser heutiges Zeitalter nennen?

Montag, 8. März 2010

Mehr Crime.

Ich habe ja vor über drei Jahren vorhergesagt, dass wir eines Tages einen echten Mord im Fernsehen live erleben werden. Und wir dürfen, meine ich, mehr und mehr zuversichtlich sein. — Man kann natürlich das Publikum nicht gleich mit dem ganzen Spektrum konfrontieren. Man muss es in kleinen Schritten an die Thematik heranführen. Ein grosser, deutscher und selbsternannter Familiensender beginnt dieser Tage zumindest am Ende der Kette und besucht verdiente Menschen daheim Mörder in Haft. Das Format heisst Crime-Doku, im Mittelpunkt: "die Psyche der Täter". Die gestern ausgestrahlte Episode widmete sich dem Thema (immer konsequent im spannenden Präsens) "K. lockt im Oktober 1988 die neunjährige D. in seine Wohnung. Er quält und missbraucht das Mädchen über 24 Stunden und erwürgt es schließlich." Na, das klingt doch schon einmal recht vielversprechend. — Man muss diesen mutigen Schritt begrüssen, denn er geht in die unvermeidliche, also richtige Richtung. Da hat jemand wirklich einmal die Zeichen der Zeit erkannt.

(Zitate von der Website des Senders)

Samstag, 6. März 2010

Heuchelei, solche und solche.

Nein, ihr Seidenhasen und -häschen, ich jammere euch nicht hinterher. Ihr sprecht und schreibt in eurer Sprache und ich in meiner. Eure ist selbst in bitterer und wellenschlagender Kritik noch immer ein zeitgemässes, zeitgeistiges und bejahendes Mähen, während mein bescheidenes Mähen immer mehr zum Unbehelf gerät, zur Heuchelei und Ironie, zum Witz. Hört ihr denn das leise Knurren nicht dahinter? Das Knurren ist einzig ehrlich! — Jenes journalistische Wellenschlagen, man muss es richtig begreifen, findet ja heute immer im gleichen und einzigen Denk-Universum statt, immer sauber dosiert, immer in und mit jenem arrangiert und kompromittiert, nie wirklich als dessen Kontrapunkt, nie zerstörerisch, sondern immer als dessen Teil und künftig sogar Wesen. Wie sollte es auch anders sein?

Freitag, 5. März 2010

Zwei verschiedene Welten.

Ein Asynchroner und ein Synchroner finden nicht zusammen. Dazwischen liegen Welten. — Der eine schreibt beispielsweise Briefe, Zettel oder e-mails, der andere spricht oder telefoniert oder chattet ausschliesslich. Zur asynchronen Kommunikation gehört allerdings in viel stärkerem Masse die gedankliche Vorwegnahme des Empfangens der Botschaft, ein Vorausdenken also und Überlegen. Ihr Aufwand beträgt darum auf der Absenderseite oft ein Mehrfaches, ohne dass dies oft vom Empfänger bemerkt werden müsste.

Es gibt zwischen beiden keine gemeinsame Basis. Bekommt ein Synchroner eine e-mail-Nachricht, in seiner Welt ein Kuckucksei, dem er sich in unserer modernen Zeit allerdings nicht verschliessen kann, ruft er unweigerlich den Absender an und lässt sich von ihm seinen Text vorlesen und erklären, dessen Inhalt zu erfassen ihm schlicht nicht möglich ist, geschweige denn die Formulierung einer Antwort. Immer und immer wieder, es ist ein typisches Verhaltensmuster. Er kann Ja oder Nein zwar aussprechen, schreiben jedoch nicht. Er sagt auch Sätze wie, man könne ihm morgen keine e-mails schicken, er sei dann ausser Haus. Er verschickt selbstverständlich auch selbst gelegentlich e-mails, oft als Weiterleitung, ruft dann aber an und fragt, ob diese auch wirklich angekommen seien.

Die Diskrepanz ist wirklich bemerkenswert. Beides sind ja moderne, zeitgemässe Kommunikationsformen in vielfältigen, technischen Ausprägungen. Aber die Grenzen der Prinzipien zu überspringen, ist ein so grosser Schritt, dass er für Hardliner schwierig bis unmöglich wird. Es geht so weit, dass vor allem synchron geprägte, d.h. mit dem Telefon aufgewachsene Menschen asynchrone Kommunikationsformen als geringerwertig und sogar als gar nicht existent betrachten: "Ich lese prinzipiell keine e-mails." (Ein Satz, den man unter Managern überraschend oft hört.) Eine Form von digitalem Analphabetismus.

Donnerstag, 4. März 2010

Der Preis als Suggestiv.

Es gibt Fälle, in denen der (hohe) Preis einer Ware oder eines Projekts die Rolle eines und zwar des wesentlichen Qualitätskriteriums übernimmt. Selbstverständlich muss das betreffende Ding zumindest den Anschein erwecken, gewisse Anforderungen zu erfüllen. Einen relevanten Beitrag zu seiner Akzeptanz und langfristigen Treue kann es dann aber tatsächlich über einen hohen Preis erfahren. Was teuer ist, muss einfach etwas taugen, das ist in unseren Köpfen so programmiert1. Wer sehr teuer und vielleicht sogar mit gemeinschaftlichen Mitteln gekauft hat, vergibt damit auch das moralische Recht, sich geirrt haben zu dürfen, insbesondere wenn längst ein Kult darum besteht und auch schon viele andere vor ihm sich nicht geirrt haben. Das Phänomen entwickelt dann eine Sogwirkung. Man lässt und zwar aufgrund des Preises selbst dann nicht davon ab, wenn Probleme offensichtlich werden. Probleme werden am Preis gemessen. Und zu ihrer Beseitigung wird noch mehr Geld hineingesteckt - es kann ja nur besser werden.

1 Wer konnte denn auch ahnen, dass der Preis einmal eine rein fiktive Grösse mit Selbstzweck, eine Ware zwar noch begleitend, ansonsten aber von ihr gänzlich unabhängig und nur noch vom Reichtum der menschlichen Phantasie bestimmt werden würde?

Mittwoch, 3. März 2010

Offene Briefe (IIX)

Meine liebe FDP,

gestern lag ein grünes Zettelchen von Dir in meinem Briefkasten, darauf eine Wählerinformation und daran klebend ein Schokoladenherz. Ich muss gestehen, ich bin gerührt, dass Du mich nicht vergessen hast. Ich habe ja noch Deine Bratwurst in allerbester Erinnerung. Und nun das ...

... aber eben, so einfach ist es nicht. Auch wenn man heute immer öfter und schon systematisch glaubt, der Rezipient ist mit kleinen, "geschenkten" Nebenprodukten leichter zu überzeugen als mit dem Produkt selbst, auch wenn mir meine Bank inzwischen einen Kasten Pralinen schickt, einfach so zwischendurch mit der Begründung, es sei ein gutes Jahr gewesen, muss ich dennoch selbstkritisch bemerken, dass da noch ein bisschen Resthirn vorhanden ist, wo es wohl nicht vorhanden sein sollte. (Ich schäme mich auch dafür.) Aber wie kommt man auf die Idee, den Blick auf Kleinigkeiten und Pippifax zu lenken und geradezu abzulenken vom Wesentlichen, vom Wichtigen? Muss da nicht jeder wache Mensch irgendwie misstrauisch werden? Wann bekommt man im Leben je etwas geschenkt? Und meinst Du wirklich, ein 2cm grosses Schokoladenherz bewirkt bei mir irgendeine für Dich relevante Reaktion?

Mit freundlichen Grüssen, wie immer

Dienstag, 2. März 2010

Hast du das denn noch nicht gewusst?

Allein im Eise unter Eisbären? — Aber ... war es unter den Vielen anders? Etwa tatsächlich einfacher, wärmer und sicherer? In ihrer Welt, in der alles Aussen ist, alles sichtbar, vorzeigbar, vergleichbar, bezahlbar, jedes Innen konsequent verpönt1 und mit einigem Aufwand auch von Kleinauf schon unterdrückt. Drum auch all das Glänzen, Funkeln, Täuschen ... Jeder Blick ein Messen und Einordnen, ein Urteilen also, jeder Gedanke ein Genügen oder Ungenügen bzgl. fremder Massstäbe und Ansprüche, ein Rechtfertigen auch und Misstrauen, immer und immer wieder, das eigene Selbst bestenfalls eine Halbherzigkeit, eine Last für sich und andere. Das ist Wärme und Sicherheit. — Nimm ein Lied mit für den Tag.

1 tatsächlich ist es ja heute ernster Grund zu allgemeiner Besorgnis, wenn beispielsweise ein Lehrer den Eltern sagen muss, ihr Kind sei "introvertiert", das kommt ja fast einer Behinderung gleich

Montag, 1. März 2010

Niemand mehr.

Wie es funktioniert (und ob sei noch dahingestellt) ist mir immer ein Rätsel: es gibt heute häufig Projekte, bei denen die wenigsten Beteiligten und möglicherweise sogar überhaupt niemand mehr den Überblick, geschweige denn ein Steuerungsvermögen besitzt. Niemand weiss mehr alles. Das ist sowohl Prinzip wie auch Notwendigkeit. Man ist längst völlig daran gewöhnt und das Gegenteil käme einem schon merkwürdig vor. Interessant ist dann, welche Richtungen solche Projekte nehmen, wenn die Eigendynamik ihrer Bestandteile mit der Zeit zu wirken beginnt. Es ist zu vergleichen mit Kraftzentren, die in einer zähen, klebrigen Flüssigkeit mit- und aneinander gebunden sind, die sich ausdehnen und bewegen wollen, dabei aber notgedrungen auf die anderen wechselwirken. — Und was dann?