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Freitag, 25. Juni 2010
Kein Schmerz.
Die Physis kennt den Schmerz. Verstaucht man sich einen Fuss, stösst man sich den Kopf, zerrt man sich einen Muskel, verrenkt man sich irgendein Glied, tut es unweigerlich weh. Das Hirn weiss es bereits, noch bevor der Schmerz über die Nervenbahnen geleitet und tatsächlich bei ihm angekommen ist. Und es hat einen guten Grund: du sollst es nicht wieder tun, dich gefälligst vorsehen! — In der Psyche fehlt jedes Schmerzempfinden. Das, was wir Kopfschmerzen nennen, ist ein Rest, ein Rudiment, aus der Physis. Man kann hingegen noch so krumme Wege denken, Wunder und Geister herbeiglauben, echte Dummheiten emanzipieren und öffentlich hochhalten - es tut leider niemals weh. Dabei wäre, nachdem das Menschlein seine physische Existenz heute wesentlich im Griff hat, gerade hier ein Schmerz höchst dienlich.
Donnerstag, 24. Juni 2010
Sprüche (221)
Wer nachdenkt1, muss etwas voraushaben. — Was?
1 ein Wort, das es nur im Deutschen gibt
1 ein Wort, das es nur im Deutschen gibt
Mittwoch, 23. Juni 2010
Begriffsklärung (43)
Die Bedeutung des Wortes "gemein" als "böse", "hinterhältig", "niederträchtig", "fies", "tückisch" usw. (vergl. "die Gemeinheit") ist eine der schönsten Ironien im Deutschen. Wer würde schon jemanden als niederträchtig bezeichnen? Er ist halt gemein, d.h. wie die meisten, wie wir alle. — Man weiss im Deutschen schon ganz gut über sich bescheid, schon Kinder tun das. Und man halte sich nun vor Augen, was ein verdientes Mitglied einer Gemeinde eigentlich ist.
Dienstag, 22. Juni 2010
Analog!
Wenn ich überlege, woran ich in den letzten Wochen und Monaten eine heimliche Freude hatte, so waren es merkwürdig oft kleine Belanglosigkeiten aus der alten, analogen Welt, manche älter als ich selbst, andere von mir selbst konstruiert und hergestellt, mit all ihrer naturgemäss noch innewohnenden kindlichen Naivetät, darunter oft auch viel gebrauchte, abgegriffene, abgenutzte, d.h. solche, die eine Geschichte über sich (und mich und andere) erzählen könnten, solche auch, die dadurch nicht zuletzt zu Unikaten geworden sind. Solche Dinge hat man lieber als all die all zu billigen Ersetzbarkeiten heute, seien sie auch noch so komfortabel.
Begriffsklärung (42)
Coaching ist eine Art Wellness fürs Hirn, mithin das, was nach dem Denken notwendig wird, wenn einem die eigenen Ideen und Lösungen zu billig, zu einfach, zu wenig vertrauenswürdig vorkommen oder eingeredet werden.
Montag, 21. Juni 2010
Sonntag, 20. Juni 2010
Das Glück finden (IX)
Etwas tun ganz allein mit der Begründung, dass es richtig oder verantwortungsbewusst oder konsequent ist. Dies ist immer Begründung genug, auch wenn andere den Kopf schütteln, grinsen, tuscheln, einen kurzerhand einen Idealisten1 nennen und anzwinkern. Jeder hat sein eigenes Richtig, sein eigenes Verantwortungsbewusstsein (und -tragevermögen) und auch seine eigene Konsequenz.
1 ein schmeichelhaftes Wort für "Spinner"
1 ein schmeichelhaftes Wort für "Spinner"
Samstag, 19. Juni 2010
Freitag, 18. Juni 2010
Sprüche (219)
Die Langeweile ist nicht ein Merkmal des Reichtums und als solches eine Luxuserscheinung — sie ist vielmehr ein Zeichen des Mangels, z.B. an klugen Ideen, Alternativen, Navigationsmöglichkeiten und Antrieben.
Donnerstag, 17. Juni 2010
Sprüche (218)
Hätte auch nur ein einziger Tyrannosaurus bis hierher überlebt - man würde auch diesen noch umbringen1. — Aus Kleinheit2.
1 selbstverständlich demokratisch legitimiert, deshalb auch guten Gewissens und treuen Herzens
2 oder aus Eifersucht
1 selbstverständlich demokratisch legitimiert, deshalb auch guten Gewissens und treuen Herzens
2 oder aus Eifersucht
Mittwoch, 16. Juni 2010
Begriffsklärung (41)
"Wellness" heisst nicht "Wohlbefinden". — Wellness ist das, was nach dem Wohlbefinden kommt, wenn einem das Wohlbefinden nicht mehr genügt, wenn es zu leicht, zu billig zu bekommen war.
Dienstag, 15. Juni 2010
Gut, dass es BP gibt!
Der Leser weiss es bereits, es ist sarkastisch: Wir müssten vielleicht, gäbe es BP nicht, bitter erkennen,
1 Ich rede konkret von der Mobilitätsideologie und der Wachstumsideologie. Man darf nie vergessen: Verbrauch ist Bürgerpflicht. Einer, der nicht verbraucht, ist eine Last für die Gesellschaft.
2 siehe z.B. hier, letzter Satz
- dass an der gigantischen Sauerei im Golf von Mexico (wie früher auch schon andernorts) ganz wesentlich ein anderer schuld wäre, möglicherweise am Ende sogar unser aller kollektiver Wahn nach billigem Öl,
- dass wir nach wie vor unser nicht zuletzt auch ideologisch1 untermauertes Energieproblem nicht ansatzweise verstanden, geschweige denn nachhaltig gelöst haben,
- dass wir uns auch durchaus nicht darüber im Klaren sind, auf welchen Prinzipien unser mit dem Recht der Gewohnheit tagtäglich eingeforderter Wohlstand eigentlich beruht,
- dass der moderne Mensch mit all der Wissenschaft und Technik womöglich nach wie vor nicht Herrscher der Natur ist usw.
1 Ich rede konkret von der Mobilitätsideologie und der Wachstumsideologie. Man darf nie vergessen: Verbrauch ist Bürgerpflicht. Einer, der nicht verbraucht, ist eine Last für die Gesellschaft.
2 siehe z.B. hier, letzter Satz
Montag, 14. Juni 2010
Sprüche (217)
Der Gegner ist manchmal mehr und höherer Freund als die sog. eigenen Leute. Am Ende tut es dir noch leid, ihn besiegt zu haben.
Freitag, 11. Juni 2010
Kochen können.
Im kanadischen Fernsehen sah ich eines Mittags eine Kochsendung,
1 nein, Eiswürfel wurden für einmal nicht erwähnt
- in der eine Blondine mit einem älteren Herrn 20 Minuten über Kochen, Essen, Wein1, Restaurants u.a. Errungenschaften des modernen Lebens plauderte,
- dann, als offenbar die Sendezeit knapp wurde, eine Fertigmahlzeit aus dem Kühlschrank nahm, der übrigens die Grösse eines Kleintransporters hatte,
- diese in eine Mikrowelle steckte, wobei die Kamera nun in Grossaufnahme ihren Finger beim Drücken mehrerer Bedienknöpfe zeigte, was offensichtlich nicht einfach war, denn sie sprach und sprach und gab wertvolle Tipps,
- anschliessend vor den Augen des mit angehaltenem Atem staunenden Publikums ein "Gewürz" darüberstreute,
1 nein, Eiswürfel wurden für einmal nicht erwähnt
Donnerstag, 10. Juni 2010
In göttlicher Gesellschaft.
Was an vielen ägyptischen Darstellungen sehr auffällig ist, ist die völlig vertraute Anwesenheit des Pharaos mitten unter Göttern, und zwar auf Augenhöhe [1, 2, 3], und offensichtlich eben nicht erst im Totenreich, sondern im Diesseits. — Man darf also fragen, ob der Pharao angesichts solcher Verbildlichungen nie in Erklärungsnot geraten ist, sich nie so in der Öffentlichkeit hat zeigen müssen und wenn doch, dann wie?
Mittwoch, 9. Juni 2010
Kirche und Staat.
Man darf heute über die Rolle der Kirchen und christlicher Organisationen nicht nur in amerikanischer, sondern auch in europäischer Politik spekulieren.
Wer in der Politik, beispielsweise auch in Deutschland, etwas werden will, tut gut daran, in einer Kirche ein Standbein zu haben, sich dort zu engagieren und Beziehungen zu pflegen. Es eröffnet offensichtlich einige (weitgehend intransparente) Möglichkeiten und bringt nach wie vor wertvollen, moralischen Rückhalt. Das Christentum hat sich mit einem zwei Jahrtausende alten moralischen Bonus ausgestattet, von dem es noch immer zehrt, nicht zuletzt durch die Heilsbotschaft, aber auch durch karitative Arbeit direkt und unmittelbar am Leid seiner Partizipienten, bemerkenswerterweise auch weitgehend unbeschadet durch die mittelalterlichen Kreuzzüge, die Inquisition, seine weltanschaulichen Dogmen oder seine Haltung in modernen Fragen, z.B. zur Verhütung, Abtreibung, Homosexualität, zu anderen Religionen, auch nach wie vor gänzlich unabhängig von der Unbewiesenheit und sogar Unbeweisbarkeit Gottes - diese spielen gar keine Rolle! Wer bekennend Christ ist, steht nach wie vor moralisch besser da, als einer, der dieses Pfand nicht mitbringt. Warum? Ich behaupte, weil das Christentum vor allem in Form seiner Kirchen eine gesamtgesellschaftliche Infrastruktur besitzt, quer durch alle sozialen Schichten, Altersgruppen und sogar ethnische Minderheiten, weil es damit auf Herde beruht und mit Herde identisch ist, weil es massgebend deren Kultur und Moral geprägt hat. (Das lässt sich nicht einmal von Nicht-Christen einfach abschütteln.) Das Bild vom Hirten und seinen Schäfchen, das der Bischof gebraucht, ist durchaus wörtlich zu nehmen und kein bisschen selbstironisch.
Ich behaupte ferner, eine wirkliche Trennung von Religion und Staat ist nicht nur nicht erreicht, sondern vor diesem Hintergrund auch gar nicht möglich, denn diese ginge ja quer durch die Köpfe der Staatsbürger und Entscheidungsträger. Solange grosse Teile und sogar Mehrheiten eines Volkes sich als religiös bezeichnen, wird auch Religion Einfluss auf Politik haben. Wie wollte man auch vom Schäflein ein Bewusstsein über seine jeweiligen Irrationalitäten erwarten? Und übrigens auch: warum? Die Kirchen dienen vergleichsweise beiläufig und noch nicht gebührend beachtet (aber gut eingespielt) auch als politische Kadermaschinerien. Die sog. Trennung von Kirche und Staat (Säkularisierung) ist insofern letztendlich nie mehr als eine unbeholfene Halbherzigkeit.
Wer in der Politik, beispielsweise auch in Deutschland, etwas werden will, tut gut daran, in einer Kirche ein Standbein zu haben, sich dort zu engagieren und Beziehungen zu pflegen. Es eröffnet offensichtlich einige (weitgehend intransparente) Möglichkeiten und bringt nach wie vor wertvollen, moralischen Rückhalt. Das Christentum hat sich mit einem zwei Jahrtausende alten moralischen Bonus ausgestattet, von dem es noch immer zehrt, nicht zuletzt durch die Heilsbotschaft, aber auch durch karitative Arbeit direkt und unmittelbar am Leid seiner Partizipienten, bemerkenswerterweise auch weitgehend unbeschadet durch die mittelalterlichen Kreuzzüge, die Inquisition, seine weltanschaulichen Dogmen oder seine Haltung in modernen Fragen, z.B. zur Verhütung, Abtreibung, Homosexualität, zu anderen Religionen, auch nach wie vor gänzlich unabhängig von der Unbewiesenheit und sogar Unbeweisbarkeit Gottes - diese spielen gar keine Rolle! Wer bekennend Christ ist, steht nach wie vor moralisch besser da, als einer, der dieses Pfand nicht mitbringt. Warum? Ich behaupte, weil das Christentum vor allem in Form seiner Kirchen eine gesamtgesellschaftliche Infrastruktur besitzt, quer durch alle sozialen Schichten, Altersgruppen und sogar ethnische Minderheiten, weil es damit auf Herde beruht und mit Herde identisch ist, weil es massgebend deren Kultur und Moral geprägt hat. (Das lässt sich nicht einmal von Nicht-Christen einfach abschütteln.) Das Bild vom Hirten und seinen Schäfchen, das der Bischof gebraucht, ist durchaus wörtlich zu nehmen und kein bisschen selbstironisch.
Ich behaupte ferner, eine wirkliche Trennung von Religion und Staat ist nicht nur nicht erreicht, sondern vor diesem Hintergrund auch gar nicht möglich, denn diese ginge ja quer durch die Köpfe der Staatsbürger und Entscheidungsträger. Solange grosse Teile und sogar Mehrheiten eines Volkes sich als religiös bezeichnen, wird auch Religion Einfluss auf Politik haben. Wie wollte man auch vom Schäflein ein Bewusstsein über seine jeweiligen Irrationalitäten erwarten? Und übrigens auch: warum? Die Kirchen dienen vergleichsweise beiläufig und noch nicht gebührend beachtet (aber gut eingespielt) auch als politische Kadermaschinerien. Die sog. Trennung von Kirche und Staat (Säkularisierung) ist insofern letztendlich nie mehr als eine unbeholfene Halbherzigkeit.
Dienstag, 8. Juni 2010
Zwei Seiten.
Also diskutiert das digitale Menschlein heute, wie privat und unerkannt es künftig auftreten werde, was es selbst von sich verraten müsse und was sein Browser stillschweigend gleich in alle Welt hinausposaunt, auf dass es dort dauerhaft und noch über seinen Tod hinaus gespeichert werde zur Einsicht aller. — In ein paar Jahren werden wir vielleicht einerseits ein paar zurückerlangte Rechte pflegen. Das Prinzip könnte lauten: Klar erkennbare Identität bei allem Geben, unverletzliche Privatheit bei allem Nehmen. Es wird möglicherweise ein paar verbindliche Standards geben, wie den der signierten e-mail, der signierten Webseite und des signierten Downloads. Wir werden aber andererseits auch bemerken, dass das Sicherheitsrisiko durch allzu viel Anonymität durchaus hoch wird. Die digitale Bedrohung wird den Gesetzgeber dazu zwingen, über verbindliche und klar erkennbare digitale Identitäten nachdenken zu müssen - surfen nur noch mit amtlich beglaubigtem Fingerprint. Man wird eines Tages ein digitales Vermummungsverbot fordern, und wir werden das möglicherweise sogar ganz nützlich finden. Alles hat zwei Seiten.
Montag, 7. Juni 2010
Vorläufiges Endergebnis.
Ein Nebeneffekt, den die sog. Aufklärung zweifellos hervorgebracht hat, ist der, dass das Menschlein heute durchaus überwiegend meint, es sei nun auf- und abgeklärt, d.h. sich über sich selbst (und über andere) im Klaren, denkend, wissend und darin auch wissenschaftlich abgesichert, auch übrigens jedem früheren Menschen darin überlegen. Dies ist gerade ein Wesens- und Definitionsmerkmal des modernen Menschen geworden. — Ob dieser Zustand allerdings tatsächlich je irgendwo in nennenswerter Anzahl erreicht worden ist, ist eine ganz andere Frage. Wir werden wohl auch in hundert Jahren noch sehr ernsthafte Auseinandersetzungen über Religion führen, Kulte ausüben, uns allerlei Irrationalem hingeben und neue Irrationalitäten schaffen.
Freitag, 4. Juni 2010
Richtig lachen.
Es sind solche unter euch, die verstehen es, ein Ding zu nichte zu lachen – auszulachen! Und wahrlich, man tödtet gut durch Lachen! (Friedrich Nietzsche, Fragmente)Aber man kann - mit etwas Glück und Geschick - auch mit jemandem lachen, über ihn, über sich selbst, über das Menschlein, und damit eben nicht nur töten, sondern verwandeln und neu erschaffen. Nur zu töten wäre allzu leicht, es machte aus dem Übermenschen doch wieder nur ein Übermenschlein.
Donnerstag, 3. Juni 2010
Nicht viel mehr.
Man blickt verächtlich auf den sog. Krämer, einen der sich mit Kram abgibt, mit Billigem also, der uns falsch anlächelt und mit Namen anspricht, Bücklinge macht, aber vor unseren Augen durchaus noch die Pfennige nachzählt (und wenn wir fort sind, noch einmal ...) Ein Krämer ist ein elender Wurm, das weiss jeder. Er würde seine Kinder verkaufen, wenn es ihm Geld einbrächte, und er hätte nicht einmal ein schlechtes Gewissen dabei. — Nur vor unseren Grossbanken, jenen fortgeschrittensten und hochentwickeltsten Krämerinstitutionen unserer Zeit, haben wir solch Bewusstsein nicht. Im Gegenteil, wir haben heute Staaten, um sie zu stützen. Man traut ihnen die Billigkeit nicht zu, und doch steckt nicht viel mehr dahinter. Mit ihnen wird man am Ende selbst noch zum Krämer und Pfennigzähler.
Mittwoch, 2. Juni 2010
Begriffsklärung (40)
Hirn haben heisst heute notwendig, die Weite des Spagats zwischen Hoffnung und Verzweiflung überblicken — und halbwegs akzeptabel überleben.
Dienstag, 1. Juni 2010
Der eine und der andere.
Wenn in meiner Schule während einer Leistungskontrolle oder Prüfung ein Fall schändlichen Abschreibens vom Lehrer entdeckt wurde, kam es zur Bestrafung beider1, des Abschreibers und dessen, der ihn abschreiben liess, auch wenn letzterer flehentlich und unter Tränen beteuerte, er sei gänzlich unschuldig und habe es nicht einmal bemerkt. — Du solltest eben gleich etwas fürs Leben lernen - (man hatte offenbar Dürrenmatt gelesen) - z.B. du bist auch für dein Leid verantwortlich.
1 und zwar konsequent mit der Note 5, der "vollen Hand"
1 und zwar konsequent mit der Note 5, der "vollen Hand"
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