Freitag, 20. August 2010

In Stauwellen.

Stauwellen kennt man von der Autobahn. Sie entstehen durch eine Hysterese (d.h. zeitliche Verzögerung) zwischen der Realität und unserer Wahrnehmung von ihr (und daraus folgend unserer Reaktion). So glaubt man einen Moment lang, noch beschleunigen zu können, obwohl eher schon Bremsen angesagt wäre. Oder man bremst bereits, obwohl man noch rollen lassen könnte.

Unser ganzes Leben verläuft in Stauwellen, in Hysterese, in Auffahrunfällen vorn und hinten — in Bindungen an Vorstellungen, die zur sich permanent ändernden Realität verzögert entstehen und verzögert vergehen. Es ist genaugenommen ein Grundprinzip der Beziehung zwischen Realität und Vorstellung. Es ist bemerkenswert, dass insbesondere Schopenhauer, der so ausdrücklich Wille und Vorstellung gegenüberstellt und analysiert, diese Verzögerung, das Nachhängen, und die Zunahme dieses Effekts mit dem Alter infolge Gewöhnung nicht explizit benennt. Seine Zeit war möglicherweise noch nicht hinreichend schnellebig.

(ein Gedanke direkt von der Autobahn Bern-Luzern, Nähe Oensingen)

Donnerstag, 19. August 2010

Sprüche (229)

Woran merkt man, dass die Ferienzeit definitiv vorbei ist? — Das Spam-Aufkommen vervierfacht sich innerhalb weniger Tage.

Mittwoch, 18. August 2010

Auch der.

So ist also jeder -ismus eine Einseitigkeit und Übertreibung, ein Voranschreiten unter Scheuklappen und Kurzsichtigkeit und Ausschluss von Dialektik? — Ja. Auch der Tourismus.

Dienstag, 17. August 2010

Nicht fremd.

"10 Jahre Navigationssystem" - das ist heute eine Schlagzeile1. — Zehn Jahre, und ich hab das Utensil noch nicht einmal bemerkt. Ich bin noch immer bestens mit Landkarten aus Papier zurechtgekommen. Ich hatte Landkarten in der Schule, darunter sog. stumme, d.h. unbeschriftete, auf dass das junge Menschlein gleich lerne, sich in der Welt zurechtzufinden. Ich merke noch immer am Stand der Sonne, dass ich in eine falsche Richtung fahre. Ja, auch nachts. Gut, auf der Südhalbkugel ist die Sache mit der Sonne ein wenig ... abenteuerlich und man nimmt lieber ein Gebirge am Horizont o.ä. als Orientierungspunkt. — Aber, hey, wie wollte man ernsthaft irgendwo fremd sein? Auf einer so kleinen Kugel? Und wer wollte sich das Navigieren abnehmen lassen? Von einer Maschine?

1 man muss sich in dürren Sommern mit Einfachem begnügen

Montag, 16. August 2010

Herausgefunden.

Das schlimmste aller Laster? — Mit Verlaub: falsche Toleranz, Toleranz wider besseres Wissen und allein um des guten Benehmens wegen.

Samstag, 14. August 2010

Passfotos (XXIX)

Chruterenpass (2053m), 07.08.2010

Freitag, 13. August 2010

Sterne, vielzahlige.

Warum tragen sog. Sportler neuerdings zwei, drei, vier oder - wie ich kürzlich hörte - in einem Einzelfall sogar 16, sechzehn, Sterne auf ihrem Trikot, zum Zeichen ihrer Meisterschaft, Überlegenheit, Würde und Eitelkeit? — Weil sie wissen, dass das Gedächtnis der Herde (und damit der Ruhm) kurz ist.

Donnerstag, 12. August 2010

Tot.

Es ist immer interessant, wenn so ein grosses Raubtier heute auftaucht, weiss immer erst einmal wochenlang niemand, wo es ist. Es ist nie zu sehen, aber doch mal hier, mal da nachzuweisen. Es kommt immer heimlich und überraschend und ist deshalb als potentielle Gefahr zweifelsfrei nicht beherrschbar (also unheimlich ...) Ist allerdings der Abschussbefehl erteilt, ist es üblicherweise in zwei Tagen tot.

Eine echte Heldentat, mein liebes Schweizervolk, eine mit Tradition übrigens, wie mir gerade erinnerlich wird — so hatte man ja seinerzeit bereits den Gessler aus einem Gebüsch und Hinterhalt heraus gemeuchelt, ohne Anruf und ohne Kampf! Immerhin, der Tell trat wenigstens nach dem Schuss hervor.
Du kennst den Schützen, suche keinen andern!
Frei sind die Hütten, sicher ist die Unschuld
Vor dir, du wirst dem Lande nicht mehr schaden.
Ha, die Unschuld ...

Mittwoch, 11. August 2010

Von der Wahrheit (III)

Wenn man dem Effekt, dass das Wiederholen einer Information - noch einmal und noch einmal - zu deren Wahrheitswerdung beiträgt, d.h. aus ihr eine Wahrheit macht, diese formt und festigt und mehr und mehr mit vermeintlicher Beweiskraft untermauert, denn was alle sagen und jeder weiss, kann einfach nicht falsch sein, dann wird es im Informationszeitalter viele glasklare und sichere, allerdings womöglich befristete und sogar auch entgegengesetzte Wahrheiten parallel nebeneinander geben. Man wird zwischen ihnen wählen können, ganz nach Belieben, nach Sozialisation oder seinen individuellen, finanziellen Möglichkeiten. Das Menschlein wird folglich ein solches sein müssen, das mit mehreren Wahrheiten umgehen lernen müssen wird, was Einfluss auf seine Logik haben könnte.

Dienstag, 10. August 2010

Sprüche (228)

Eine mögliche und vielleicht nicht die schlechteste Konsequenz aus der Erkenntnis des begrenzten Verstandes?1Selbstironie.

1 auch und vor allem sich selbst gegenüber

Montag, 9. August 2010

Offene Briefe (X)

Sehr geehrter Herr Pfeuti,

ich fasse mich kurz (das Lesen wird ja nicht Ihre Stärke sein ...) — die Todesstrafe (und andere martialische Strafen) sowie übrigens auch Waffen in Privathand wurden in kulturvollen Staaten abgeschafft, gerade damit Leute wie Sie nicht auf die Idee kommen, sie tatsächlich anzuwenden. Vielleicht denken Sie einmal in einer ruhigen Minute zwischen zwei Bieren darüber nach. Und ich begrüsse derweil aufrichtig, dass Ihr Staat seine Bürger und Gäste dahingehend vor Ihnen schützt.

Hochachtungsvoll usw.

Samstag, 7. August 2010

Passfotos (XXIIX)

Wannenpass (2071m, oberhalb Brienzersee), heute Mittag,
Aussicht ins Berner Oberland (misterioso ...)

Freitag, 6. August 2010

Sprüche (227)

Es gibt Leute, die sind Besitz ihres Hauses.

Donnerstag, 5. August 2010

Nicht ausreichend gegliedert.

Man muss sich gelegentlich wundern, dass einer, der ein Buch mit tausend Seiten schreibt, nicht stärker auf Mittel zur Gliederung setzt. Mag sein, ich bin beruflich bedingt ein Extremist, was Logik und Abfolgen und deren klare und lesbare Notation betrifft, deren Strukturierung also. Aber einer, der über mehrere Seiten einen Gedanken entwickelt, dabei Seitenwege verfolgt, Aufzählungen beginnt, Vergleiche anstellt, muss doch ebenso ein Interesse daran haben, dass der Leser den Faden nicht verliert. In den sog. Geisteswissenschaften ist dies aber oft und bedauerlicherweise nicht der Fall.

Nietzsche war einer, der einen Gedanken vergleichsweise kurz und bündig darlegen konnte. Das war ihm Anliegen und Notwendigkeit gleichermassen, seine Aphorismentechnik war ihm ebenso Werkzeug und Ergebnis. Schopenhauer tat das nicht. Er macht, obwohl ihm wie man weiss sehr viel an Orthografie und sauberer Sprache gelegen war, kaum einen Absatz pro Seite, Aufzählungen stets nur verbal innerhalb des Textes. Immerhin, Schopenhauer benutzt (in geringem Umfang1) eine Tabelle, um Dinge gegenüberzustellen - ein Stilmittel, das u.a. Spengler später aufgegriffen hat2. A.v.Humboldt ist ein interessanter Fall: er schreibt gleich zwei Drittel seines Textes3 in Fussnoten, diese selbst oft mehrseitig - unmöglich sich zu besinnen, worum es ging, kehrt man von einer solchen Fussnote zurück.

1 Die Welt als Wille und Vorstellung, am Anfang des ersten Buches
2 Der Untergang des Abendlandes, ebenfalls am Anfang
3 Reise nach Südamerika

Mittwoch, 4. August 2010

Jammerplappern.

Aha, das nächste Wort aus Miseria, an das man sich wahrscheinlich gewöhnen müssen wird, lautet also: Zuwanderungsmisere. — Es bleibt also dabei: als Journalist in Deutschland muss man, will man halbwegs ernstgenommen werden, ein ordentlicher Jammerlappen sein. Das gilt geradezu als Voraussetzung, etwa so wie ein Lastwagenfahrer einen Führerschein braucht. Und man muss heute schon kreativ bei der Erschliessung nachhaltig ergiebiger Miseren sein und einen Riecher dafür haben. Als journalistisches Schreckgespenst gilt folgerichtig die Miserenmisere.

Dienstag, 3. August 2010

Umgefälscht.

Als Getränk dient eine Flüssigkeit aus Gerste oder Weizen, in eine gewisse Ähnlichkeit mit Wein umgefälscht.
(Tacitus, Germania)
Das also kommt dabei heraus, wenn man auf dem Apennin über Bier spricht ...

Montag, 2. August 2010

Über eine besorgte Frage (XXI)

Wozu ich einen Kurzwellenempfänger brauche? — So kann selbstverständlich nur eine Frau fragen. — Es handelt sich genaugenommen um nichts geringeres als um ein Raumschiff für einen recht konkreten Orbit. Ich könnte auch sagen: um ein Tor zu mindestens einer reizvollen Welt, zu einer noch dazu, die man nicht sehen kann und die die meisten Älteren schon vergessen, die Jüngeren nicht einmal mehr kennengelernt haben, die aber trotzdem da und um uns ist. Letztendlich ist es auch ein Kindheitstraum. Man suche sich etwas aus.

Sonntag, 1. August 2010

Beipflicht.

Es gibt Situationen, in die man als Betroffener, als Opfer gerät, in denen man ein kleines Leid erfährt, irgendeine Gemeinheit, Unverschämtheit, Missachtung oder Rücksichtslosigkeit, der man plötzlich ausgesetzt wird und die man irgendwie handhaben muss. — Schlimmer aber ist das Mitleid anderer, die das beobachtet haben und einem nun augenblicklich ungefragt beipflichten. Wer hat euch diese Pflicht gemacht? Und wem dient sie?