Donnerstag, 30. September 2010

Unter Nautikern.

Cook1 befragte in der Südsee mehrfach Eingeborene nach den umliegenden Inseln und bekam so wertvolle Informationen, die er auch direkt verwendete. Er benutzte dabei einfache Karten bzw. handgezeichnete Skizzen, um sich trotz fehlenden Vokabulars auszudrücken. Die Abstrahierungsstufe der Land- bzw. Seekarte wurde von beiden Seiten intuitiv verstanden. Die Ureinwohner mehrerer Inseln benutzten selbst etwas wie Karten in Form von Bastmatten. — Muss es da nicht wahrscheinlich sein, dass Cook auch aufgefordert wurde, einmal auf der Karte zu zeigen, woher er kam? Und muss seine Antwort, sofern er wahrheits- und massstabsgemäss Auskunft gab, nicht unweigerlich auch zur Frage nach der Gestalt der Erde geführt haben? Hat er den Leuten einmal einen Globus zeigen können? Und wie haben diese darauf reagiert?

1 Cook beschäftigt mich momentan

Mittwoch, 29. September 2010

Vom überdimensionalen Überbau.

These: Wenn Organisationen und deren Hierarchien wachsen, dann geschieht dies immer unproportional im Überbau, d.h. an gerade den Stellen, wo es nicht produktiv notwendig ist, oder ganz ohne Umschweife ausgedrückt: im Wasserkopf. Erst wenn ersichtlich wird, dass die jeweilige Basis ihren Überbau nicht mehr tragen kann, wird nachträglich unten nachgestopft, dann oft hektisch und unter Benutzung zeitweiliger, externer Kräfte - es geht ja schliesslich um etwas. Unsere modernen Grossfirmen und Staatsgebilde sind geradezu Paradebeispiele für dieses Phänomen.

Dienstag, 28. September 2010

Kommunikation, vielsagende.

Als Cook auf seiner ersten Reise von Neuseeland kommend Mitte des Jahres 1770 entlang der Ostküste Australiens nach Norden fuhr, um diese zu erkunden, zeigten immer wieder Eingeborene dem Schiff vom Ufer aus demonstrativ ihre nackten Hintern und erbosten sich darüber, als man vom Schiff aus spontan gleiches tat. — Es gibt eben - trotz aller Entfernung und kultureller Verschiedenheit - doch gelegentlich so etwas wie eine gemeinsame Kommunikationsbasis.

Montag, 27. September 2010

Wieder.

Womöglich werden sogar wieder Hexen brennen. Wie, das sei nicht möglich? Hielten wir es denn für möglich, dass irgendwann noch einmal Kreationisten einflussreich und mächtig werden könnten? Oder dass auch nur einer von ihnen es vor eine auf ihn gerichtete Fernsehkamera schaffen würde? Und dass man ihn eventuell hinter der Kamera ernstnehmen könnte? — Die Wahrheit ist keine Konstante, sie ist heute nicht einmal mehr eine langlebige Variable. Sie ist eine muntere Funktion des Zeitgeistes (und damit des Geldes). — Wer von den alten Griechen hätte sich denn vorstellen können, dass man später tausend Jahre lang die Erde für eine Scheibe halten würde? Man wäre ausgelacht worden für solch einen geradezu abstrusen Gedanken.

Sonntag, 26. September 2010

Offen sein.

Notwithstanding they are cannibals, they are naturally of a good disposition and have not little humanity. (James Cook, Logbuch der 2.Reise, betreffs Neuseeland und seine Einwohner)
Offen sein (und bleiben) heisst, sich aus seinen grossen und kleinen Erkenntnissen, Erfahrungen, Erinnerungen, Erziehungen und Einbildungen nicht ein ordentliches Gefängnis oder Labyrinth bauen, sich stattdessen im Geist-Raum manövrierfähig und -freudig halten, wahrscheinlich auch: sich (und anderen) allzu schnelle Urteile ersparen.

Freitag, 24. September 2010

Hin und zurück.

Der Sommer weicht nach Süden. — Es gibt Tage, an denen man das prüfen kann. Fährt man beispielsweise Ende September über die Berninastrecke, so kann man durchaus in St.Moritz mit bereits schlotternden Knien während eines matschigen Schneegestöbers in den Zug steigen - oben am Lago Bianco und auf Alp Grüm wird es natürlich längst Frost haben - sich aber dann drüben in Poschiavo, wo die Bahn mitten auf der Strasse fährt, im T-Shirt auf die Piazza Communale setzen und bei noch immer kräftiger Sonne ein letztes sommerliches Gelato schlecken. Die Entfernung beträgt lediglich 43km, vom Winter in den Sommer. — Die Rückfahrt hat dann einen anderen Charakter ...

Donnerstag, 23. September 2010

Das Ende aller Werte.

These: das Ende eines hohen Wertes ist immer seine Öffnung zur Masse hin. — Er läuft in die Breite wie eine Flüssigkeit. Gewiss, die Menge mag ihn womöglich aufsaugen wie ein Schwamm. Aber wer will schon einen Wein trinken, nachdem man ihn erst einmal aus einem Schwamm herauspressen musste?

Mittwoch, 22. September 2010

Sprüche (231)

Du sollst Mut haben, Mut zu dir selbst, zu deinem Kopf und deinen Händen.

Dienstag, 21. September 2010

Stil.

Das Lachen sei spontaner Ausdruck unserer Verblüffung über die erkannte und uns nun eben gerade bewusst gewordene Differenz zwischen der Realität und unserer Vorstellung von ihr1. — Man muss Schopenhauer unweigerlich dankbar sein für solcherart Definitionen. Er lehrt einen, abseits aller inhaltlichen Aussagen, nämlich allein durch seinen schriftstellerischen Stil, seine angewandte Technik, das Hinterfragen der Begriffe, manchmal sogar expliziter Worte, die man seit Jahrzehnten gedankenlos benutzt und dahergeplappert hat. (Zum 150.Todestag.)

1 Die Welt als Wille und Vorstellung

Montag, 20. September 2010

Logistik.

These: Wie nachhaltig ein Thema in der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion ist und bleibt, ist nicht unwesentlich eine Funktion des Angebots, d.h. des Nachschubs auf der Informationspipeline. — Man kann Themen dauerhaft an den Rand der Wahrnehmung (und darüber hinaus) schieben, sofern man genügend andere Themen hat, die - klug platziert und breitgestreut - unser begrenztes Aufnahme- und Erinnerungsvermögen in beschlag nehmen. Am Ende genügt ein einziger Serienmörder oder Kinderschänder, um ein ganzes Land einen Monat lang in Blind- und Taubheit zu versetzen.

Sonntag, 19. September 2010

Nachruf, sentimentaler.

Dreimal sah ich eine Concorde im Dienst, und ich erinnere mich an jedes Mal. — Das erste Mal sass ich im Hyde Park, Leute beobachten, über mir eine nicht abreissende Kette von Flugzeugen, die sich von Osten kommend bereits im Landeanflug auf Heathrow befanden. Sie flog einfach mittendrin, wie alle anderen auch, und was mir sofort auffiel, war ihre geringe Grösse im Vergleich zu den anderen Maschinen. — Ein paar Tage später, beim Abflug aus London, sah ich die zweite. Sie stand am Terminal in Heathrow. — Die dritte sah ich in New York. Nachdem ich eingecheckt und die Passkontrolle passiert hatte, sass ich in einer gläsernen Halle und wartete auf meinen Rückflug nach Europa, neben mir zwei Piloten mit Schirmmützen und blauen Uniformen. Dann gab es eine Durchsage, Flug AF 001 käme nun zur Landung, da sprangen die Piloten auf und stierten hinaus auf das Flugfeld. AF, das weiss man, heisst Air France, und die Concorde absolvierte damals zwei Linienflüge pro Tag, 001 hin und 002 zurück. Und da schwebte sie auch schon heran, mit ihrer abgesenkten Nase und so grazil, mehr Insekt als Vogel. Die Piloten bekundeten nickend Anerkennung ob der Landung und wir schauten alle drei noch lange in die Richtung, in der sie längst verschwunden war. Das war im Mai 2000, wenige Wochen vor dem Unglück in Paris.

Freitag, 17. September 2010

Sprüche (230)

Tyrannosaurier waren einmal so gross wie Menschen1. — Da sieht man wieder einmal, wohin ein paar Jahre ohne geeignete, staatliche Kontrolle führen!

1 siehe hier

Donnerstag, 16. September 2010

See-Bilder (XIV)

Kefalonia, während eines ersten, leichten Herbststürmchens (04.09.2010, abends)

Mittwoch, 15. September 2010

Nichts verpassen (II)

Man denkt immer, man verpasse etwas, kaum dass man einmal nicht Auge und Ohr an den pochenden Schlagadern der Zeit hat, weil man seine Aufmerksamkeit, seine Wachheit anderswohin richtete oder womöglich gar einem eigenen Gedanken nachhing. Andere sind immer schneller, schlauer und gemeiner. Andere wissen immer ganz genau, was wo wie usw. — Ach Menschlein, alle wesentlichen Dinge sind unvergänglich, also auch nicht zu verpassen. Sie warten auf dich ein Leben lang. Und die anderen? Muss ich wirklich den Chorus mysticus zitieren?

Dienstag, 14. September 2010

Gutes tun.

Die persönliche Bereitschaft, sog. Gutes1 zu tun, reicht immer genau so weit, bis etwas Gewohntes, Liebgewordenes, anerkanntermassen dem eigenen Wohlstand oder Status oder dem Zeitgeist angehörendes .......... d.h. ein älteres und somit höheres Gutes davon berührt und ggf. gefährdet wird.

1 eine bemerkenswert unbeständige Variable

Montag, 13. September 2010

Qualität und Quantität.

These: Wenn es an echter und höherer Qualität fehlt, d.h. Quantität also nicht rechtzeitig in Qualität umschlagen kann, steigert sich einerseits die Quantität notgedrungen ins Unermessliche und immer Billigere, andererseits nimmt die Qualität notgedrungen Wege ins Seitliche und sogar Niedere, ins Alberne, Absurde — allerdings allen Ernstes. Man finde Beispiele.

Samstag, 11. September 2010

Fortschreitende Personalisierung.

Wenn es tatsächlich dazu kommt, dass das Auto in seiner Rolle als Statussymbol Nr.1 verdrängt wird, etwa weil es künftig wieder eine breitere Orientierung auf andere Verkehrsmittel geben könnte und vielleicht gar nicht mehr jeder eins hat, so werden andere Dinge diese Rolle übernehmen müssen, um das Menschlein nicht in eine furchtbare Identitätskrise zu stürzen. — Apples iDingsbumse sind auf dem besten Wege dazu. Sie bedürfen allerdings noch speziellerer (d.h. aufwendigerer) Personalisierung. Ich sage hiermit voraus, dass man in wenigen Jahren in Apple-Filialen primär über Gehäusefarben und -formen, Chromleisten, Spoiler, Nebelscheinwerfer usw. verhandeln wird.

Donnerstag, 9. September 2010

Ein Held für sich.


Mounda Beach, Kefalonia, Griechenland, 06.09.2010, 18:30

Was Helden angeht, so ist man gemeinhin überzeugt, ein Held ohne Publikum sei eigentlich kein Held, Held und Publikum seien Eins und bedingten sich gegenseitig. — Ich sage, ein wirklicher Held ist einer für sich selbst und nur selten von irgendwem (geschweige denn einem Publikum, das Helden nötig hat) als solcher überhaupt erkannt. Er weiss es vielleicht nicht einmal selbst. Er weiss womöglich nicht einmal um all die Gefahren und Abenteuer, die es zu bestehen gilt. Es mag Naivetät sein, am Anfang, Unbewusstheit, Unwissen, etwas also, das man nicht mit Mut verwechseln darf. Am Ende sind es allerdings Dinge wie Selbstbewusstsein, Souveränität und Freiheit.