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Donnerstag, 23. Dezember 2010
Sprüche (248)
Ein Einzelner, der heute sein Hirn gebraucht und selber frei denkt, ist nicht weniger als einer von gestern, quasi ein geistig Zurückgebliebener.
Mittwoch, 22. Dezember 2010
Empirische Erkenntnis (II)
Immer in den Momenten, in denen eine Mehrheit eine bestehende Gegebenheit und Kultur zugunsten derer zurücknimmt, die zwar viele sind, aber darin keinen Wert erblicken, verachtet sie letztendlich sich selbst. — Der sich selbst egale, sich selbst legitimierende Mensch im grossen Massstab.
Dienstag, 21. Dezember 2010
Sprüche (247)
Ein Schildbürgerstreich, der demokratisch legitimiert ist, ist kein Schildbürgerstreich mehr, er ist plötzlich — Vernunft.
Sonntag, 19. Dezember 2010
Hinter dem Spenden.
Mit Verlaub, dass man sich heute im Spenden an Rekorden misst und - den Tränen nah - den guten Willen rühmt, ist nicht unwesentlich ... eine erbärmliche Heuchelei und als solche auch eine unserer vielen, kleinen, dekadenten Selbstvergessenheiten. Insbesondere in der Öffentlichkeit, mit Nennung des Namens, und zu Weihnachten, als ob Weihnachten irgendwie ein Anlass wäre. Weihnachten ... ausgerechnet der alljährliche Höhepunkt pervertierten Konsums! Ich finde, es ist an der Zeit, das endlich einmal auszusprechen. — Das ganze Jahr über geniessen wir unseren teuer-billigen Kaffee, unsere Schokolade, unsere Bananen und nicht nur fast unsere gesamte Kleidung wird inzwischen billigst im Ausland hergestellt, auch das Spielzeug unserer Kinder, das wir wieder überreich und überflüssig verschenken werden, und nicht zuletzt das allermeiste unseres Öles, auf dessen ewige Billigkeit wir unser gesamtes Leben ausgerichtet haben. Und es mag durchaus sein, der eine oder andere hat inzwischen ein kleines Bewusstsein demgegenüber und vielleicht sogar ein Kaufverhalten entwickelt, in Einzelfällen, dort wo es möglich ist, d.h. wo man ihm ein kleines, verstecktes Geschäft mit seinem guten Gewissen anbietet. Die Bank, auf der sein Geld liegt und von der er seine Renditen und Zinsen einfordert, hat ein solches aller Wahrscheinlichkeit nach nicht. Es wäre ihr höchst hinderlich. Wir sind alle fest und untrennbar verzahnt mit diesem Prinzip. — Das Spenden sollte unser Gewissen nicht erleichtern, es müsste es genaugenommen beschweren.
Freitag, 17. Dezember 2010
Neue Hygiene.
Bedenkt man einmal die Wahrscheinlichkeit, sich bei kühler Witterung mit einer lumpigen "Erkältung" anzustecken, einer Infektion also, mit der der Körper jahrzehntelange Erfahrung und also ausgebildete Abwehrmechanismen hat, so muss man sich letztendlich wundern, dass es kaum nennenswerte, etablierte Sicherheitsvorkehrungen in unseren urbanen Ballungsräumen gibt, die Infektionen vorbeugen. Die Grippeschutzimpung ist letztendlich eine willkürliche Alibiübung. Wer sich heute in einen Bus setzt, ein Treppengeländer oder eine Türklinke berührt, anderen die Hand gibt usw., braucht sich nicht zu wundern, wenn er immer wieder irgendeinen undefinierten Infekt aufliest und von einem in den nächsten stolpert. — Ich behaupte, in einigen Jahren werden wir uns anders verhalten. Der anhaltende Trend zu weiterer Ballung in grossen Städten wird neue Massnahmen der Hygiene erforderlich machen. Sich nicht die Hand zu geben, wird eines Tages Kultur sein.
Donnerstag, 16. Dezember 2010
Wieder ein König.
Die Zeit sei inzwischen reif für eine neue deutsche Aristokratie, womöglich sogar für einen deutschen König, liest man gleich an mehreren Orten, natürlich sarkastisch, aber durchaus auch in vollem Ernst, stets bezugnehmend auf den bayrischen Sunnyboy und seine telegene Gattin. — Das Volk der Dichter und Denker zweifellos auf einem neuen intellektuellen Höhepunkt seiner Geschichte. Man lasse nun noch die bevorstehende Hochzeit im britischen Königshaus vorübergehen, dann alsbald die Thronübergaben in Norwegen, Schweden, Dänemark und den Niederlanden, dazu vielleicht noch ein, zwei neue Lichtgestalten und Emporkömmlinge mit lustigen Namen, eine neue Prinzessin, die halbwegs irgendwie aussieht, und halte sich nur immer konsequent vor Augen, dass es im Absurden wirklich kein Genug gibt, um nicht doch von hinreichend Vielen ernstgenommen zu werden ...
Mittwoch, 15. Dezember 2010
Langsam.
Die Deutschen sagen immer, die Schweizer seien langsam, die Berner insbesondere. Mag sein. (Man kann das auch als Qualität begreifen.) — Ich behaupte - nicht ganz mit vollem Ernst - es liegt an der Sprache. Muss ich Bärndütsch sprechen, gelingt mir dies auch wesentlich besser bei geringerer Geschwindigkeit. Die Kunst liegt dann darin, einen höheren Gehalt hineinzulegen, d.h. implizit eine im gleichen Masse erhöhte Datenkompressionsrate zu benutzen. Der Zuhörer wird die Zeit auch brauchen, zur Entkomprimierung.
Dienstag, 14. Dezember 2010
Rätsel-Haft.
Der Leser ist und bleibt ein Mysterium, ein ewiges Rätsel. Sein Lesen ist nach wie vor quasi umgekehrt proportional zu meinen aphoristischen Selbstversuchen. Kaum also, dass ich mich einmal zwei Tage in wohlverdienter (!) Hibernation1 versuche, wie jedes kluge Tier das während des alljährlichen, pränatalen Deliriums tut, entfaltet er ein virtuelles Eigenleben und treibt heimlich (!) das ihm gemässe Unwesen ...
1 man vermutet in Fachkreisen bereits, dass dies nur eine vermeintliche solche sein könnte
1 man vermutet in Fachkreisen bereits, dass dies nur eine vermeintliche solche sein könnte
Samstag, 11. Dezember 2010
Diskontinuität.
Sich nichts aussuchen können. Es kommt einfach, heimlich, schleichend, dann aber womöglich in solchem Umfang, dass man Tage zu dessen Bewältigung braucht, obwohl man anderes vor und längst abgesprochen hatte. So ist das mit den platzenden Knoten. Kreativität ist wesentlich Diskontinuität. Man schreitet nicht einfach und zielstrebig mit der Idee durch unbetretenes Gelände vorwärts — nicht selten schreitet auch die Idee mit einem, holpernd, springend, man selber hinterher, ausser Atem, den Anschluss nicht verlieren wollend ...
Freitag, 10. Dezember 2010
Donnerstag, 9. Dezember 2010
Durchsichtig.
Es gibt eine Form von öffentlicher Rede, insbesondere bei vorgelesener, in feierlichem Rahmen, die die Banalität ihres Inhalts eher unterstreicht, anstatt verschleiert. Solcherart Rede - salbungsvoll, betroffen machend, rührselig und staatsmännisch - solcherlei Nichts hinter den Worten wird dann nur allzu durchsichtig, meine lieben Kanzler, Bundespräsidenten, Minister, Funktionäre und gleichermassen -innen.
Mittwoch, 8. Dezember 2010
Die Anderen.
Ja, dem Hinweis war hinsichtlich seiner Logik schwer beizukommen: die Anderen seien ja noch schlimmer, diese öffentlichen Auspeitschungen, die Steinigungen, die Unterdrückung der Frauen und all das, darum bedürfe es des Kreuzes auch in den Klassenzimmern, Gerichtssälen und wahrscheinlich - das hast du so nicht gesagt - auch auf Bergen. Drum sei dessen Verfechtung auch heute noch und wieder nötig. — Die Anderen, das war noch allzeit ein brauchbares Argument für alles. Wären die anderen nicht Moslems oder Juden oder Hindus, müsstest du auch nicht Christ und Verfechter und Kreuzritter sein, nicht wahr?
Mein Vater war lange Zeit Soldat. Als ich ein Kind war, sagte er mir gelegentlich, er müsse Soldat sein, denn jemand müsse den Frieden sichern. Es war Kalter Krieg. Ich selbst war noch Soldat im Kalten Krieg. Ihm aber wäre am liebsten, fügte er hinzu, es müsse seinen Beruf überhaupt nicht geben. Und das war wenigstens ehrlich.
Mein Vater war lange Zeit Soldat. Als ich ein Kind war, sagte er mir gelegentlich, er müsse Soldat sein, denn jemand müsse den Frieden sichern. Es war Kalter Krieg. Ich selbst war noch Soldat im Kalten Krieg. Ihm aber wäre am liebsten, fügte er hinzu, es müsse seinen Beruf überhaupt nicht geben. Und das war wenigstens ehrlich.
Dienstag, 7. Dezember 2010
Sprüche (245)
Neue These: Osiris ' sprichwörtliche Zerschlagenheit "in mehrere Teile" ist schlicht auf mehrtägigen Frost und anschliessenden Regen zurückzuführen (eventuelle klimatische Besonderheiten im Niltal einmal ausser Acht gelassen) ...
Montag, 6. Dezember 2010
Fingerspitzengefühl.
Das Zusammentreffen mit Leuten, denen offenkundig weder das Sein noch das Tun etwas bedeutet, sondern, wie man mit der Zeit unschwer herausfindet, allein das Haben, erfordert immer Fingerspitzengefühl und Disziplin. Bei uns, hinter dem schützenden Eise, ist das Haben vor allem ein Hindernis und Ballast, eine Plage und Strafe, eine Eisenkugel am Fuss, mit dem man doch springen wollte ... Ihr Haben allerdings ist mit ihrer Persönlichkeit selbst merkwürdig konsequent identisch, und wollte man diese ernstnehmen, so müsste man tatsächlich auch jenes ernstnehmen und anerkennen. Es ist längst Kultur. Sie geben es an ihre Kinder weiter, die ebenfalls, noch gänzlich ohne eigene Mittel und Möglichkeiten, schon seltsam auffällig im Haben gefangen sind, dafür umso konsequenter. — So springt man also über seinen Schatten, einmal mehr, und dann noch einmal ...
Sonntag, 5. Dezember 2010
Freitag, 3. Dezember 2010
Was tun?
Was stellt man an mit Kindern, die gedankenlose Eltern einem zeitweilig überlassen haben? Mit jungen Menschen also, die im Zeitalter allgegenwärtiger Elektronik, bunt blinkender Effekte, leuchtender LCD-Displays und penetranter Klingeltöne aufgewachsen sind? — Man zeige ihnen das Einfache.
Mittwoch, 1. Dezember 2010
Begriffsklärung (46)
Der im Management gebräuchliche Begriff des "Projekts" bezeichnet nicht selten genaugenommen jene Luftblasen, die aus der Tiefe kommend vergleichsweise unkontrolliert in die Höhen des Managements emporsteigen und oben in Anbetracht nachlassenden Aussendrucks folgerichtig — zerplatzen.
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