Montag, 31. Januar 2011

Von der Wahrheit (IV)

Die einfachste Wahrheit ist immer die ungünstigste. Leider ist schon das zu begreifen nicht mehr einfach. Drum gilt auch dem modernen, aufgeklärten Menschlein die schnelle, alternativlose und vor allem massenhafte Wahrheit nach wie vor als eine, der anzuhängen zumindest nicht schlimm sein kann. Lieber eine Wahrheit haben als keine — ersteres galt gegenüber letzterem noch stets als der bessere Standpunkt, als Standpunkt überhaupt. Und wenn es schon notgedrungen eine schwierigere, höhere sein muss, weil sich die nun Überwundene doch als gar zu einfach erwies, dann behält man sich immer noch einen wehmütigen Blick, ein Vielleicht Doch und Möglicherweise, und es gibt Zeiten, in denen die Anerkenntnis einer Wahrheit sogar zurückkippt, Zeiten also, in denen das Einfache wieder akzeptabel und guten Gewissens denkbar wird.

Freitag, 28. Januar 2011

Etwas sein.

Wer von Geburt an schon etwas ist, muss nicht zwingend mehr etwas werden wollen. Oder anders ausgedrückt: der Massenmensch beginnt überall dort, wo er seine eigene Undifferenziertheit wertschätzt und zur Normalität erklärt, wo aus ihm ein Jeder, ein Wir wird.

Donnerstag, 27. Januar 2011

Sprüche (253)

Wer Bücher anschafft, muss sie dann auch irgendwo unterbringen.
(Und, nein, Stapel sind nicht der Weisheit letzter Schluss ...)

Mittwoch, 26. Januar 2011

Begriffsklärung (48)

Panik? — Panik ist, wenn Fachkompetenz, Erfahrung, gesunder Menschenverstand, Geschmack, Vertrauen und Selbstvertrauen, strategische Entscheidungen und Richtlinien, eigenes besseres Wissen und (jetzt wird's interessant) am Ende sogar Kosten zugunsten von irgendwas fallengelassen und ignoriert werden.

Dienstag, 25. Januar 2011

Im Dienste des Bürgers (II)

Gewiss, die voreilige Annahme, schriftlich eingelegter Widerspruch gegen intransparente behördliche Schnüffelei und dessen offizielle Bestätigung durch immerhin ein Bundesamt hätten fortan tatsächlich irgendeine ernstzunehmende Bedeutung, war blauäugig und naiv. Und ein dummes Bauchgefühl in solchen Angelegenheiten ist durchaus nicht etwas, weswegen man sich ein schlechtes Gewissen einreden müsste.

Eine Behörde ist, um es einmal so treffend wie möglich auszudrücken, ein kleines Paralleluniversum und als solches ganz wesentlich ein Innen, soll heissen: sie beschäftigt sich allein mit sich selbst, allein zu ihren eigenen Zwecken und nach ihren eigenen Regeln. Die Aussenwelt ist hingegen etwas weitgehend Unbekanntes, wahrscheinlich auch etwas Uninteressantes, dem man am besten mit Abstand begegnet. Drum können die meisten Behörden prinzipiell auch weder vernünftig zusammenarbeiten noch vernünftig kommunizieren. Sie müssen das gar nicht, das erwartet gar niemand. — Es hängt alles zusammen.

Montag, 24. Januar 2011

Sprüche (252)

Das, was über Wochen am wenigsten interessiert, könnte morgen schon Stein allgemeinen Anstosses und Ursache höchster Dringlichkeit sein.

Freitag, 21. Januar 2011

Begriffe.

kaffeepausi sei ein deutsches Wort, das tatsächlich nach Finnland eingewandert ist, lese ich gerade. Die Amerikaner kennen angst, autobahn, wurst, blitzkrieg und kindergarden, die Russen sagen рюкзак und бутерброды. — Wo aber sind wirklich wesentliche deutsche Begriffe ... Bürokratie, Verkrustung, Erstarrtheit, Konsens, Jammer, Autowahn, Unterschicht, Anspruchsdenken?

Donnerstag, 20. Januar 2011

Richtig vermutet.

Warum unser Informationszeitalter eine Zeit der Vermutung ist? — Weil niemand mehr die Möglichkeit, die Zeit und das Interesse hat, Informationen tatsächlich zu prüfen und ggf. richtigzustellen. Und weil der Wahrheitsgehalt letztendlich auch gar keine Rolle mehr spielt, wenn jede Information gleichwertig massenhaft verbreitet werden kann. Die Wahrheit ist nur noch eine von vielen, wahrscheinlich eine unbequeme.

Mittwoch, 19. Januar 2011

Ausnahmsweise ... (2)

Genau, meine lieben Protagonisten, Waffen in Privathand schaffen Sicherheit - ich glaube fast noch, was Ihr mir dummdreist in den Briefkasten werft. — Aber nur fast. Das einleuchtende Argument: Kriminelle würden ihre Waffen ja behalten, der brave Bürger allerdings solle diese nun abgeben - eine künftig eklatant klaffende Sicherheitslücke ...

Mit Verlaub, mir scheint es sich wesentlich um eine Lücke im Füllmaterial der oberen, rundlichen Extremität zu handeln. Es ist schlicht Unsinn anzunehmen, gäbe der Eidgenosse auch nur einen Teil seiner geschätzt 2.4 Millionen1 Handfeuerwaffen ab, darunter übrigens sicher überwiegend Militärwaffen, die durchaus nicht seiner privaten Selbstverteidigung dienen, würden alsbald bewaffnete Banden von Kriminellen die Innenstädte terrorisieren2. Das Gewaltmonopol liegt auch in der Schweiz beim Staat. Der Bürger schützt sich und seine Familie definitiv nicht durch selbst ausgeübte Waffengewalt oder durch ein imaginäres Bedrohungsgleichgewicht. Wer Gegenteiliges behauptet, hat Wesentliches in seinem Staat nicht verstanden und gehört genaugenommen einmal hinsichtlich seiner sozialen Unbedenklichkeit (und am besten auch gleich hinsichtlich seiner psychischen Zurechnungsfähigkeit) untersucht. — Waffen in Privathand sind - auch in ihrer viel zitierten, langen Tradition - ein historisches Relikt aus Zeiten mangelnder staatlicher Präsenz, ich könnte auch sagen: der Unzivilisiertheit und Unreife, als solches auch ein Merkmal der Rückständigkeit im internationalen Vergleich und letztendlich eine Peinlichkeit für eine aufgeklärte, westliche Industrienation und ihren Rechtsstaat.

1 d.h. statistisch in jeder Familie eine
2 man sieht ja im übrigen Europa, wohin diese schreckliche Waffenlosigkeit führt!!!

Montag, 17. Januar 2011

Begriffsklärung (47)

Solange sich eine Bewegung aufwärts richtet, ist ihr Protagonist offenkundig zu einem imaginären Gipfel hin orientiert und dahingehend fortschrittlich. Wird allerdings ein mögliches Maximum überschritten, befindet man sich also in einer Phase des Niedergangs, so muss man die Rolle des am einstigen Gipfel Orientierten dem eigentlich Konservativen und Romantiker zuschreiben. — Der sog. Fortschritt ist in vielerlei Hinsicht ggf. nichts anderes als eine Hammelherde, die durch ein Gewitter getrieben über einen Hügel rennt. Sie rennt vielleicht auch wieder zurück oder um den Gipfel herum, sobald der Wind sich dreht.

Sonntag, 16. Januar 2011

Sprüche (251)

Du musst dir die kleinen Schätze im Internet holen. — Was automatisch zu dir dringt, ist nur sein Müll.

Freitag, 14. Januar 2011

Hinreichend.

Im Fall, dass einer eine kleine Macht und Entscheidungsgewalt besitzt, in einer konkreten Situation aber die offenkundig klügste Idee bereits von einem anderen ausgesprochen wurde, kommt es mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu dem Phänomen, dass am Ende überraschend eine ungünstigere Variante gewählt wird, nur um dies kleine bisschen Macht wahrzunehmen und dadurch zu bestätigen. — Man mache drum keine allzu klugen Vorschläge, nur hinreichend kluge, d.h. solche, die nach oben noch ein klein wenig Spielraum offenlassen.

Donnerstag, 13. Januar 2011

Sprüche (250)

Das Aufstellen einer Wunschliste (oder einer technischen Spezifikation) findet unter bemerkenswert anderen Gesichtspunkten statt, wenn man deren Realisierung einem anderen überlassen kann, am besten noch einem gänzlich Unbekannten.

Mittwoch, 12. Januar 2011

Das Glück finden (X)

Ein 40 Jahre altes Spielzeug wiederfinden und feststellen, dass es an seiner Faszination nichts eingebüsst hat, obwohl sich die Zeiten inzwischen auf den Kopf gestellt haben und man möglicherweise auch selbst ein anderer ... ähm ... sein sollte.

Dienstag, 11. Januar 2011

Im Laden.

Wie konntest du nur in so einen Laden gehen und dabei den Anspruch einer kompetenten Beratung haben? Zu technischen Geräten, ha! — Du bist der Kunde. Deine Pflicht ist es, es besser zu wissen als der Verkäufer, genauer, detailreicher, umfassender. Du musst den Überblick haben. Du musst dich schon auskennen unter seinen Produkten. Du willst ja schliesslich das richtige zum richtigen Preis erhalten. Nein, lass ihn nicht einmal mehr irgend eine kleine, kulante Dienstleistung durchführen, eine Konfiguration o.ä., mach das selbst, zu Hause und mit Hilfe von Internetforen, das ist sicherer und klüger, und du lernst noch etwas. Finger weg von deinem Produkt! Und lass dich nicht noch auf ein Gespräch ein, nimm deine Beute, wirf das Geld hin und flieh ... es ist besser so ...

Montag, 10. Januar 2011

Unsicher.

Manch einer hätte weit weniger Probleme mit anderen, wenn er stärker und gelassener zu sich selbst und seinen eigenen Positionen stünde. So hält man manch nach aussen gerichtetes Auftreten für vermeintliches Selbstbewusstsein, obwohl es lediglich eine Unsicherheitshandlung und die vorauseilende Verteidigung eines kleinen Territoriums darstellt, das er bedroht und in Gefahr wähnt, ohne dass es womöglich tatsächlich so ist. Woher soll Vertrauen zu anderen auch kommen, wenn man nicht einmal sich selbst und den eigenen Positionen vertraut. — Ich behaupte, daran liegt viel. Nicht nur bei Einzelnen, sondern bis hin zu internationaler Politik. Unsicherheit und die Empfindung einer Bedrohung sind synonym. Und zwei Unsichere fühlen sich nicht sicherer, sondern unsicherer! Das erfordert viel Fingerspitzengefühl im Umgang mit Unsicheren.

Donnerstag, 6. Januar 2011

Sprüche (249)

Du sollst nicht missionieren. — Eine Schlussfolgerung aus den Ungeboten 104, 126 und 225.

(Nein, auch nicht angesichts der immanenten Herrlichkeit deines iGeräts.)

Mittwoch, 5. Januar 2011

Frei wozu?

Wenn von der Freiheit die Rede ist, so meint man praktisch immer die Freiheit von etwas1 — die Freiheit zu etwas, die vielleicht eine grössere und viel nachhaltigere Rolle spielt, ist hingegen so gut wie nie gemeint, und vielen ist sie nicht einmal bekannt. Mag sein, letztere ist ohne erstere nicht möglich, jene ist also Bedingung für diese, aber letztere macht den eigentlichen Wert aus, auch für erstere.

1 Ketten, Knechtschaft, Unterdrückung

Dienstag, 4. Januar 2011

Wieder auf Anfang.

Der Neujahrsvorsatz? In aller Regel heute schon gebrochen, womöglich selbst der Vorsatz, keinen Vorsatz zu haben. — Warum? Weil er in der Regel eine Bestrebung darstellt, ein klein Wenig weniger zu sein, wie und was man halt ist, man selbst, statt dessen etwas mehr ein fiktives Idealbild, und im dümmsten Fall nicht einmal sein eigenes ...