Montag, 28. Februar 2011

Insektenverstand.

Wenn aber Jemand die Frage aufwürfe, ob nicht die Natur den Insekten wenigstens so viel Verstand hätte ertheilen können, wie nöthig ist, um sich nicht in die Lichtflamme zu stürzen; so ist die Antwort: Freilich wohl: nur war ihr nicht bekannt, daß die Menschen Lichte gießen und anzünden würden: und Natura nihil facit frusta. Nur einer unnatürlichen Umgebung reicht der Verstand der Insekten nicht aus. (Schopenhauer, Senilia, 27,3)
Wie ist das aber mit jenem grossen, schlauen Insekt, das auf nur zwei Beinen geht, und seiner Welt? So sei also dessen Verstand in natürlicher Umgebung ebenfalls ausreichend? Und sein Scheitern überhaupt nur möglich in einer unnatürlichen solchen? — Aber wer hat diese eigentlich geschaffen?

Freitag, 25. Februar 2011

Begriffsklärung (49)

Kapitaleinkünfte sind bei üblicher anonymer Anlage letztendlich immer ein Schweigegeld. — Ich darf und will als Anleger nicht wissen, was die Bank, vor- und nachgeordnete Finanzdienstleister und am Ende der Kette auch gänzlich intransparente Kreditnehmer mit meinem Geld anstellen. Das darf in diesem System letztendlich auch keine Rolle spielen. Solches Wissen wäre hinderlich, es würde den Geldmarkt verzerren.

Donnerstag, 24. Februar 2011

Sprüche (258)

Es gibt Leute, die neiden einem am Ende sogar noch ein Gebrechen — nur weil sie's nicht selbst haben.

Mittwoch, 23. Februar 2011

Sprüche (257)

Du sollst dich erinnern. (Und sag nicht, du könntest nicht.)

Dienstag, 22. Februar 2011

Unterbrochen.

Muss man sich nicht wundern, wie schnell es heute heisst, alle Nachrichtenverbindungen in ein Land seien unterbrochen? Gab es früher nicht beispielsweise Kurzwellensender und Amateurfunker? — Das digitale Menschlein wird auf sein iDings starrend noch merken, was es heisst, von einer einzigen, hochtechnisierten und in der Hand weniger Monopole befindlichen Infrastruktur abhängig zu sein, nicht nur in kriegsähnlichen Situationen, beispielsweise auch nach Katastrophen oder Cyberattacken.

Montag, 21. Februar 2011

Rauschen im Reis.

Gibt es Langweiligeres als Tennis1? - Aber ja, beispielsweise die verschiedenen Disziplinen der Fortbewegung auf Skiern, ob nun Berge hinunter, fliegend, zwischen Stangen hindurch oder in der Ebene, das ist völlig gleich. Es ist einfach mediales Rauschen. — Es wird Zeitalter geben, irgendwann lange nach uns, in denen man solcherart Dekadenz weder kennen noch sich überhaupt vorstellen können wird: industriell produzierter Sport im Fernsehen.

1 Tennis ist wie chinesischen Reissäcken beim Umfallen zusehen

Freitag, 18. Februar 2011

Zur Zeit.

Die bekannteste Zwölfjährige des Planeten ist also nun 30 geworden. Und ich kam gestern nicht umhin, im seriösen Schweizer Fernsehen erfahren zu müssen, es handele sich um "eine wahrhafte Ikone unserer Zeit". ——— Wie wahr! Und wie banal.

Donnerstag, 17. Februar 2011

Sprüche (256)

Nenne drei Leute eine Gruppe und schon fragen sie — "Wer soll fortan unser Feind sein?"

Mittwoch, 16. Februar 2011

p und q

Nicht weniger als 18 lange Jahre hat es gedauert, meine sehr verehrten Damen und Herren Universitätsprofessoren, bis der seinerzeit von Ihnen aufs Strengste in den Maxwellschen Gleichungen und dreidimensionalen Integralen von der Länge eines Klafters unterrichtete Ingenieur Müller tatsächlich wieder einmal auf eine wahrhaft quadratische Gleichung stiess, und es ist eigentlich nur seiner Durchtriebenheit zu verdanken, dass er das Geschreibsel, was sich ihm da auf seinem Papier (denn er arbeitet noch immer auf Papier) aus den Notwendigkeiten und Anforderungen der Realität heraus quasi von selbst diktierte, überhaupt als solche erkannte und der Lösung zuführte. — Wie ernüchternd: p und q, die alten Bekannten, kein bisschen älter geworden in all den Jahren. So trifft man sich wieder. Und da war doch noch irgend etwas, an das man denken musste ... ja, richtig, die zwei Lösungen mit dem Plus und dem Minus, von denen man eine, soviel ist sicher, in den Skat drücken konnte. — Ha, ebenso sicher ist, dass trotz dieses Geniestreichs noch immer irgendwo der Wurm drin ist ...

Dienstag, 15. Februar 2011

Form und Inhalt.

Manchmal ist es auffallend: ein zunehmendes Primat der Form gegenüber dem Inhalt. — Ein eigentlich überraschendes Phänomen des Informationszeitalters mit seinen doch unaufhörlich wechselnden Inhalten und immer neuen Medien. So bestaunt man heute offenkundig Flachbildschirme, Mobiltelefone, tragbare Computer und Konsolen aller Art oder die Ästhetik von Lautsprecherboxen und Klangsystemen, einmal ganz abgesehen von der selbstverständlich unbedingten Notwendigkeit abgeschirmter Lautsprecher- und Netzkabel ... ganz unbhängig allerdings davon, was darin zu sehen ist oder aus ihnen heraus tönt. Der Inhalt gerät ins Hintertreffen, es kann letztendlich auch Gedudel sein, egal, irgendetwas, Kaminfeuer oder Aquarium. Wesentlich wird zunehmend, dass es aus einem Gerät heraus geschieht, das heute selbst einen Zweck erfüllt, und zwar nicht unwesentlich einen vom Inhalt losgelösten, einen eigenen und neuen Zweck. — Der Grund ist folgender: Inhalt ist begrenzt, insbesondere hochqualitativer. Der Inhalt ist zwar von seiner Gestalt her das eigentlich Wechselvolle, wir sind aber heute aufgrund unserer Produktivkräfte in der Lage, die Formen mindestens ebenso schnell und schneller und billiger wechseln und erneuern zu können. Dies ist der Grund dafür, warum jeder Hersteller von Mobiltelefonen mindestens 20 verschiedene gleichzeitig im Angebot hat. Und es wird - wie bei Autos - eines Tages bis hin zu individualisierter Einzelproduktion gehen. Inhalt mit Geist hingegen lässt sich nicht produzieren, diese zugegeben gern gebrauchte Formulierung ist eine unserer vielen kleinen Anmassungen an unser eigenes Können.

Montag, 14. Februar 2011

Offene Briefe (XII)

Liebe Regula, lieber Urs,

ja, es ist ein schwieriger Tag heute. Wie der Morgen nach einer langen Party, bei der man zu viel getrunken hat. Es rächt sich immer übel.

Nein, man wird nun international wahrscheinlich nicht schon wieder die Augen zusammenkneifen, was das da eigentlich für eine merkwürdige Schweiz sei, mitten in Europa, und mit wem, d.h. mit was für Leuten man es zu tun habe. Es ändert sich ja nichts. Man wird wissen, dass erneut einmal der kleine Mann gesprochen hat, der in der Schweiz ein grosses Gewicht hat. Der kleine Mann mit seinem Hof in seinem Tal zwischen senkrechten Felswänden, der täglich dem Bösen gegenübersteht. Immerhin, seit 1782 wurde keine Hexe mehr dingfest gemacht! Die Bedrohung durch Napoleon, die Nazis, die Russen, auch noch die Beteiligung von Frauen an der Politik (seit 40 Jahren schon!), dann diese suspekte EU rundherum, neuerdings der Islam, der Atheismus, Bären und Wölfe, die Deutschen schon wieder und nicht zuletzt diese unterirdische Höllenmaschine da in Genf ... man soll nicht sagen, all diese Bedrohungen seien nicht ernstzunehmen. Sie sind es, vor dem Horizont des kleinen Mannes ganz gewiss. — Mit dem Stimmrecht für Frauen und seiner freien Ausübung scheint es übrigens nicht so weit her zu sein. Die meisten Schweizer Frauen haben offenbar mit ihren Männern gestimmt, welche meinen, ohne mindestens eine anständige Schusswaffe im Haus fehlten ihnen sofort ein paar cm Körpergrösse. — Mit Verlaub, die Schweiz hat bis hin zum Einzelnen ein chronisches Problem mit ihrem Selbst-bewusst-sein, mit ihrem Selbst-vertrauen. Völlig ohne jeden Grund! Neumodisches Gerede über Swissness hin oder her.

Aber es gibt eben noch eine andere Schweiz, eine, an die man sich international und vor allem in Deutschland noch gern erinnert, die Schweiz, die Nietzsche, Einstein, Mann, Hesse, Brecht wenn nicht eine Heimat, so doch wenigstens einen Ort geboten hat, die Schweiz von Dürrenmatt und Frisch, die Schweiz, die ohne zu zögern humanitäre Hilfe leistet, die Flüchtlinge aufnimmt, die offen ist, gewiss nicht ohne Seufzen, aber offen.

Kopf hoch und habt Mut, Mut zu Euch selbst.

Freitag, 11. Februar 2011

Im Kleinen.

Der Schritt, mit dem das Menschlein massenhaft beschloss, sich ein speziell dafür designtes Musik-Produkt künftig in Form von unscharfen, verzerrten und verwackelten Videos auf dem handtellergrossen Display seines unbedingt teuren Mobiltelefons anzuschauen, ist einer, der in seinem Stellvertreter- und Beispielcharakter wahrscheinlich noch nicht ganz begriffen worden ist. — Er fand und findet konsequent auf sämtlichen Gebieten seiner Kultur statt! Ein irgendwie gearteter "Inhalt" wird künftig das sein, was auf eine Briefmarke passt. Mehr wird schlicht gar nicht mehr denkbar sein.

Donnerstag, 10. Februar 2011

Mit Verstand.

Wenn ich mich nicht verhört habe, sprach gestern ein Kollege vom "Gschitere", also "Scheitern", aber eben mit einem hörbaren "G" - "Gescheitern" - ein unfreiwillig lebenskluges Wort, bei dem ich hellhörig werde: Wenn schon scheitern, dann wenigstens mit klugem Verstand, nicht einfach nur so, das kann ja jeder! — Das passt zu den Worten eines meiner Professoren, der seinerzeit mit zusammengekniffenen Augen vor versammelter Vorlesung ankündigte, auch die Fünf1 werde es demnächst in der Prüfung nicht umsonst geben, dafür müsse man schon etwas tun usw. (und das war seinerseits durchaus nicht als Spass gemeint ...)

1 die damals schlechteste Note

Mittwoch, 9. Februar 2011

Sprüche (255)

Den lohnendsten Gedankenaustausch hat man an manchen Tagen mit einem mäusefressenden Quadrupeden.

Montag, 7. Februar 2011

Unter Umständen.

Ein Freund ist u.U. nicht einer, der einen verlässlich vor Irrtümern und Fehlern bewahrt. Es kann ihm klüger, lohnenswerter und anständiger erscheinen, einen mit Bewusstsein seine Irrtümer und Fehler selber machen und auskosten zu lassen. Ein Freund ist einer, der dann nicht sagt "Ich hab's ja vorher gesagt."

Freitag, 4. Februar 2011

Über eine Kundenpflicht..

Ein zeitgemässes Widerwort zu "Know your customer!" — "Know your provider!", und zwar im Voraus und gründlich. Geschäfte1 sind immer zweiseitig, auch wenn man sie heute gern und stillschweigend auf eine Seite abwälzt und dem Kunden eine Bringeschuld beibringt. Wie wollte man sonst die Frage nach dem Wem beantworten?

1 und nebenbei gesagt auch beispielsweise die Beziehung zwischen Staat und Bürger, auch die zwischen Kirche und Schaf

Donnerstag, 3. Februar 2011

Grosse Brötchen.

Ein sicheres Anzeichen dafür, dass einer meint, man wolle ihn - ausgerechnet ihn! - auf dem Felde allgemeiner Dekadenz und fehlender Selbstreflexion schlagen und womöglich noch übertrumpfen, ist sein lautstarker Ruf nach Olympia hier am Ort und, nachdem das Gelächter dann verflogen ist, dessen nachdrückliche Bekräftigung mit ernster Miene.

Mittwoch, 2. Februar 2011

Sprüche (254)

Eine andere Konsequenz aus der (insbesondere vorschnellen) Einsicht in die Begrenztheit des Verstandes? — Glaube.

Dienstag, 1. Februar 2011

Erhellend.

Ein Rückblick in eigenes Geschriebenes ist oft erhellend. An manchen Gedankengang erinnert man sich noch nach Jahren und nickt noch immer so beim Lesen wie einst beim Schreiben. Manch schwieriger Herleitung sieht man den langen Kampf noch an, links und rechts noch immer inzwischen an der Sonne gebleichte Skelette einstiger Vorstellungen und Überzeugungen, dahingemetzelt nicht ohne Schmerz. Anderes allerdings, meint man, könne man im Leben nicht selbst verfasst haben, so fremd und albern erscheint es heute, ein anderer Autor also, ein fremder gar, zweifellos. — Und womöglich liegen nur wenige Jahre dazwischen.