Mittwoch, 30. März 2011

Informationsmanagement.

Als der Soldat Müller im Herbst 1987 seine Uniform empfing, steckten darin in zwei speziellen Innentaschen in der Nierengegend zwei kleine, schwarze Gegenstände, die die er sich nicht erklären konnte. Andere hatten diese Taschen auch in ihren Jacken, aber ihr Inhalt fehlte. Ein paar Wochen später, während einer der üblichen Taschenkontrollen vor einer anstehenden Wache, entdeckte ein besonders gründlicher Feldwebel die beiden "Dinger" und zog sie auf der Stelle ein. Der Besitz hätte sogar unaufgefordert gemeldet werden müssen, er müsse nun leider Meldung machen, das sei gar nicht gut usw. — Ich erfuhr erst Jahre später, worum es sich überhaupt gehandelt hatte, nämlich um Dosimeter1. Der Tschernobyl-GAU lag erst anderthalb Jahre zurück und die wenige Jahre zuvor ausgegebenen Dosimeter wurden (zumindest in diesem Regiment) schleunigst eingesammelt ... Die beste Katastrophe ist noch immer die, die niemand bemerkt.

1 wahrscheinlich Thermolumineszenzdosimeter

Dienstag, 29. März 2011

Beruhigend.

Der Mann ist dem Weibe mindestens ein ebenso grosses Rätsel wie dieses ihm. Es nimmt sich gar nichts. (Dem Leben abgeschaut.)

Montag, 28. März 2011

Bitter.

In tiefer Enttäuschung fallen selbst ausgewiesenen Demokraten noch gute, d.h. verflixte Gründe ein, warum es nicht so gelaufen sein könnte, wie man sich doch lange erhofft hatte1, z.B. der Termin der Wahl, die jeweils gerade aktuelle Krise2, der Ölpreis, der politische Gegner, der politische Partner, Japan, Libyen, das Wetter - das Wetter ist überhaupt immer ein guter Grund für alles, und übrigens auch dagegen. — Die politische Verkommenheit einer Gesellschaft ist proportional zum Auftreten des Berufspolitikers in ihr, in seiner Eigenschaft als schwatzender Protagonist der Beliebigkeit. Der Berufspolitiker (insbesondere deutscher Prägung) ist letztendlich eine demokratische Geschmack- und Instinktlosigkeit.

1 freilich nicht, dass es auch an einem selbst und seiner schlechten, intransparenten, politischen Arbeit gelegen haben könnte - man darf nicht zu viel erwarten ...
2 einen Zustand ohne mindestens eine akute Krise gibt es ja nicht mehr

Sonntag, 27. März 2011

Sprüche (262)

Unter "zehnmillionenfach" glaube ich heute keiner Meldung mehr. Eine solche wäre geradezu — unserios.

Donnerstag, 24. März 2011

Grösse als Kriterium.

Je grösser eine Gruppe sei, umso attraktiver werde sie allein dadurch für ein Individuum, sich ihr anzuschliessen, las ich. Das stand da so, und auch, dass dies einleuchte. — Mir, ehrlich gesagt, nicht. Gerade die Grösse einer Gruppe und ihre vermeintlich daraus erwachsende, geheimnisvolle Gravitationskraft ist für mich in den letzten Jahren immer mehr zu einem ziemlich sicheren Kriterium für Suspektheit geworden, die nämlich mindestens proportional mitwächst.

Mittwoch, 23. März 2011

Wach.

Der Gegensatz, den man in (vor allem repräsentativer) Politik leicht zwischen Reden und Handeln feststellt, insbesondere zwischen "vor der Wahl" und "nach der Wahl", ist nichts weiter als jener altbekannte Dualismus von Wille und Vorstellung. Vor der Wahl gleicht man als Politiker sein Reden den Vorstellungen des vielzahligen Rezipienten an, nach der Wahl sein Handeln dem eigentlichen Willen seiner Politik. Die Differenz nennt der eine mit dem Fuss aufstampfend Politikverdrossenheit, der andere spricht von politischer Wachheit.

Dienstag, 22. März 2011

Hund, Kuh und Wurst.

Auf dem Schänzli sitzt der Hund,
Eine Wurst in seinem Mund.
Auf dem Dache sitzt die Kuh
Frisst die Wurst und raucht dazu.
(Friedrich Nietzsche, Nachlass)
Ein kluger Schreiber tut gut daran, der Nachwelt so manche lapidare Knacknuss zu hinterlassen, einfach irgendwo auf einen Seitenrand gekritzelt, auf dass sich Generationen von philologisch klugtümelnden Nachkömmlingen an künftigen Universitäten daran die Zähne ausbeissen werden. Man sollte eigentlich Studenten darüber Klausuren schreiben lassen, und zwar junge.

Montag, 21. März 2011

Zu den Waffen!

Wenn einer eine Waffe trägt, hat das nicht zuletzt Auswirkungen auf seine Psyche und sein Selbstvertrauen. Mit einer Waffe ist man sofort mindestens 5cm grösser in seiner persönlichen Selbstwahrnehmung. Das gilt auch hinsichtlich von Kollektiven und ihren Repräsentanten. — Dass in heutigen, modernen Staaten nur eine verschwindend kleine Minderheit, nämlich meist lediglich beide Kammern des Parlaments sowie der Staatspräsident, ein paar hundert Personen also, von denen die Mehrheit nie Soldat war, über den staatlichen Einsatz von Waffengewalt bestimmen können, einfach durch Handheben, unter Parteidisziplin und übrigens in jedem Falle auch straffrei, erweist sich vor diesem Hintergrund als durchaus problematisch. Man gehört ja immer zu den Guten, daran besteht doch niemals ein Zweifel. Und wer würde denn nicht jedes Mittel nutzen, um das Gute zu verteidigen?

Donnerstag, 17. März 2011

Sprüche (261)

Wäre die Erde ein lebendiges Wesen — wer wollte ihr verübeln, das Menschlein als einen Parasiten zu bezeichnen?

Mittwoch, 16. März 2011

Brei.

An Tagen der Katastrophe wird immer die immense Dekadenz und Belanglosigkeit unserer Massenmedien besonders gut deutlich. — "Gesichter der Katastrophe", "Bieber in Wachs", "Mehr Julia Roberts geht nicht" ... "Überlebende nach vier Tagen gerettet", na immerhin: zehn Personen hat dies gefallen, das ist schonmal ein Anfang. "Bayern scheitert gegen Inter", das gefiel allerdings 76 Personen. Ein Horoskop war auch auf dieser Seite. Was fehlt noch? Ich sag's mal: Ein Busenbild, wahrscheinlich nur aus Jugendschutzgründen, und ein Vergewaltiger oder Kinderschänder, vor dem man gleichermassen kollektiven Horror wie kollektive Empörung empfindet. — Unser sog. Journalismus ist eigentlich eine Dauerkatastrophe, sie kostet nur keine Menschenleben.

Montag, 14. März 2011

Fortschreitend.

Da nun die eine an der weltweit laufenden Atomdebatte beteiligte Seite überraschend, nämlich durch Zufall, ein weiteres Argument erhalten hat - eines, dessen sie wahrlich nicht bedurft hätte, das aber die andere Seite nicht leugnen kann und das nicht wiederum 25 Jahre Zeit haben wird, um schlicht in Vergessenheit zu geraten - was wird also diese nun unternehmen? — Es wird notgedrungen eine Welle neuer Lügen und Verharmlosungen und "Bei uns kann das selbstverständlich nicht passieren!" geben müssen. Das wäre konsequent. Man wird es am Ende über den Preis für Energie regeln.

Samstag, 12. März 2011

See-Bilder (XV)

Strait of Georgia, Vancouver Island, 22.06.2008, mittags, die Augen nie von der Wasseroberfläche abgewendet, aber enhydra lutris vom Schiff aus zu sehen, ist wahrscheinlich so gut wie unmöglich ...

Freitag, 11. März 2011

Befreit.

Eine Stadt, die einen Bären hinauslässt, ist mir gerade recht.
(Ich wüsste jetzt noch sechs weitere Exemplare ...)

Mittwoch, 9. März 2011

Sprüche (260)

Die meisten Geheimnisse, die man zufällig erfuhr, hätte man eigentlich nicht erfahren wollen. Dumm ist insbesondere, wenn man so einen Schwarzen Peter dann behalten muss.

Dienstag, 8. März 2011

Treiben, nächtliches.

Der Kreative hat das Pech, dass ihn die Idee notfalls sogar heimtückisch im Schlaf überfällt und peinigt, 2 Uhr ist ein guter Zeitpunkt. — Wie? Nein, die Not besteht nicht darin, dass eventuell wertvoller Schlaf unterbrochen wird, sondern darin, dass es bis zum sog. Morgen noch mindestens vier volle, abenteuerliche Stunden sind, während das Hirn arbeitet, entwickelt, verwirft, weiterspinnt und womöglich eine kleine Welt zusammenfügt, ganz allein auf sich gestellt, und dass man sich Stunden später, dann vermeintlich wach, noch daran erinnern muss, welchen Weg man diese Nacht nahm, d.h. sie mit einem.

Montag, 7. März 2011

Unterwegs.

Was soll der Hyperboreer antworten, wird er unterwegs ... vielleicht von einem klugen Eisbären ... gefragt, woher er denn eigentlich stamme? — "Aus Europa, Freund." Das ist für den Gefragten bereits das Maximum an möglicher Präzision und genauer wollte es der Fragesteller auch eigentlich nicht wissen. Was spielt es für eine Rolle?

Freitag, 4. März 2011

Zucht.

Man möchte sich in einer stillen Minute vielleicht den Begriff der Menschenzucht noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Man definiert ihn heute für mein Dafürhalten in aller Regel zu einseitig, nämlich genetisch und unter wohlwollender Ausblendung längst etablierter, wenig schmeichelhafter Zuchtkriterien und -erfolge, für gut und wichtig und historisch richtig befundener, wohlgemerkt. Ich nenne einmal ein paar Beispiele:
In diesen Fragen verweist man gerne auf das Individuum, dem ja alle Wege zur persönlichen Entwicklung offenstehen. — Nur, welche Wege stehen denn eben einem solcherart über 100 Jahre gezüchteten, Ressentiments, Vorurteilen, Markenglaube und striktem lifestyle unterworfenen Individuum tatsächlich noch offen? Ist es eigentlich noch ein freies Individuum zu nennen?

Mittwoch, 2. März 2011

Sprüche (259)

Du sollst eine kleine Sonne sein. Hell und energiereich.

Dienstag, 1. März 2011

Verlust.

Ich bin keiner, der mit Pflanzen spricht. Aber trotzdem ist eine Eiche, die man seit Jahren "gekannt" hat, an der man täglich vorbeiging, die gesund, kräftig, sicher weit über 200 Jahre alt und also einen Meter dick war, wenn sie eines Tages unverhofft einem städtischen Kettensägenmassaker zum Opfer fällt, als Verlust zu empfinden, beinahe wie der einer Persönlichkeit. Bäume sind nicht einfach nur Gras, das man abmäht und das wieder nachwächst. Ein Baum hinterlässt eine Lücke.