Donnerstag, 30. Juni 2011

Das Glück finden (XI)

Einem Kind zuhören, das noch Kind ist, d.h. an dem noch nicht die Würmer des Scheinens, des Besitzes, des Neides, des Konsums nagen, dem man noch keine fremden Werte eingeredet hat, das noch frei und offen ist. — Kinder sind womöglich die einzigen wirklich freien und offenen Menschen, für kurze Zeit.
Doch der Mensch wird größer, und es gibt immer weniger Kulissen, die er nicht auch von der Rückseite kennt. [...] Das Kind stirbt immer mehr in ihm und damit jene Liebe, die noch die Maßlosigkeit der Verschwendung kennt und die Unbedingtheit des Ergriffenseins. [...] — soviel ist gewiß, daß wir uns sehr schämen müssen über das, was aus uns geworden ist. Wir gleichen den Erwachsenen, die überheblich durch den Trubel des Jahrmarktes schreiten, durch eine Welt des Lebens, in der nur Kinder wirkliche Menschen sind. (Ernst Jünger, Das Abenteuerliche Herz)1

1 Bemerkenswert: Diese Zeilen las ich gerade, nachdem ich heute Morgen Obiges schrieb. Als ob ich es - nicht zum ersten Mal - vorausgeahnt hätte.

Mittwoch, 29. Juni 2011

Sprüche (273)

Du sollst nicht in Superlativen sprechen. Ein Superlativ offenbart das Ende deiner Vorstellungswelt.

Dienstag, 28. Juni 2011

Zwillinge.

Die Gefahr ist die Zwillingsschwester der Sicherheit. Beide erreichen ihren Gipfel im Irrationalen, Vermeintlichen, Ersponnenen, Geglaubten und sind bei nüchterner Betrachtung eigentlich nicht vorhanden.

Montag, 27. Juni 2011

Undank.

Da war es wieder, jenes Beleidigtsein aus Undank, das ich nur aus Deutschland und nur von einer bestimmten Schicht meist wohlsituierter, konservativer, älterer Herren kenne, obwohl ich mir nach all den erfahrungsvollen Jahren grösste Mühe gebe, ihnen keinen Anlass zu geben. Man kommt auf mich zu, sobald man gewahr wird, wo ich herkomme, spricht mich an, befragt mich1. Und oft geht es ganz schnell, schon nach zwei Minuten, wie ich denn das empfände: ich, der Ossi, müsse doch nun begeistert und dankbar sein, nämlich für all das, was ich jetzt habe und bin und darf2, ihnen gegenüber, wohlgemerkt. Ich könne ja jetzt beispielsweise Karriere machen, oder richtiges Geld verdienen, ob ich denn schon meinen Marktwert kennte usw. Und man ist dann immer richtig enttäuscht (und wechselt schnell das Thema), wenn ich die Erwartungen nicht so einfach bestätigen oder gar teilen kann. Aber warum sollte ich lügen? — Dass das unrühmliche Ende des bösen Landes und die alternativlose Übernahme der Konkursmasse durch den einzigen Überlebenden, dessen Adler auf meinem Pass, sein nun flächendeckendes Bildungsfern-Sehen und die fehlende Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn nicht automatisch auch Überzeugtheit und Identifikation mit der westdeutschen, alten Bundesrepublik hervorruft - nein, auch nach 20 Jahren nicht, dass neben der Abkehr von der DDR und der Hinwendung zur Bundesrepublik in meinem Kopf offensichtlich noch etwas Drittes steckt, das weder Ost noch West ist, sondern etwas Eigenständiges, davon Losgelöstes, etwas Moderneres, ist ein Gedanke, der überzeugten Bundesbürgern, sowohl Vor- wie auch Nach-68ern, nur sehr schwer verständlich ist.

1 wobei solche Gespräche oft in langen und durchaus vorwurfsvollen Monologen über die üblichen Albernheiten bei der Grenzkontrolle versanden, in der Regel unter dümmlicher (und falscher!) Imitation vermeintlich ostdeutscher Sprache
2 also für die gewonnenen Rechte, von den neuen Pflichten keine Rede

Freitag, 17. Juni 2011

See-Bilder (XVI)

Das Bild enthält genügend Hinweise über den Ort seiner Aufnahme. (10.06.2011, 9 Uhr morgens)

Donnerstag, 16. Juni 2011

Negative Stimmen.

Kürzlich entwarf ein Kollege in der Kaffepause den Gedanken, bei einer Wahl müsse es eigentlich auch Negativstimmen geben. Man solle, das wäre gerecht, nicht nur einem seine Stimme geben, sondern einem anderen auch seine Stimme definitiv entziehen können. Der nicht! Und man könnte ja pro Kandidat die erhaltenen und die entzogenen Stimmen der Einfachhalt halber gegeneinander aufrechnen. — Unsere Wahlergebnisse sähen dann allerdings ernüchternd anders aus, das leuchtete ihm sofort ein.

Mittwoch, 15. Juni 2011

Wer zahlt's?

Früher gab es Gerüchte, die allerdings zeitlich und örtlich begrenzt waren. — Heute kann unsere multimediale Sofortinformationsmaschinerie trotz ihrer längst bekannten Schwachstellen1 in Stunden und Tagen wie jüngst bei den Killergurken einen Millionenschaden anrichten und der ist dann halt einfach passiert, ohne dass dieser Umstand irgendwie Beachtung fände. Am Ende steht der Steuerzahler selbstverständlich dafür gerade, er zahlt selbst das, was er nicht konsumiert hat, denn Konsum ist seine unmissverständliche Daseinspflicht und Bringeschuld. Man mache sich das endlich klar. Dieser Mechanismus und insbesondere seine neuartige Selbstverständlichkeit sind tatsächlich höchst bemerkenswert. Beim nächsten autofreien Sonntag wird man drum wohl die grossen Mineralölkonzerne entschädigen müssen. Und einen wiedereinmal ein paar Wochen lang ausbrechenden, isländischen Vulkan mag man sich schon gar nicht mehr vorstellen ...

1 Intransparenz, einseitige Quellenlage, mangelnde Kontrolle, Voreiligkeit, Populismus

Dienstag, 14. Juni 2011

Alt werden (II)

Alt werden heisst nicht selten wohl auch in Konflikt mit sich selbst geraten, nämlich in der Vorstellung (und Erinnerung) von sich selbst und der bereits vorliegenden Realität, vor allem in körperlicher Hinsicht. Überraschend oft ist man dort offenbar bereit, sich kleinen und gar nicht einmal mehr kleinen Täuschungen hinzugeben, wenn sie nur hinreichend schmeichelhaft daherkommen. Männer neigen darum beim Altwerden oft dazu, sich selbst gehörig zu überschätzen und sich Dinge zuzutrauen, die sie halt vor Jahren (in Wirklichkeit sind es schon Jahrzehnte) einmal gekonnt haben, insbesondere wenn jüngere dabei sind, denen man dann vermeintlich noch etwas vormachen kann, obwohl das gar niemand verlangt hat. Bei Frauen spielt hingegen das Aussehen eine Rolle, Haut, Falten, graue Haare u.ä. Es ist eben längst nicht mehr alles so wie vor Jahrzehnten. Wie sollte es auch? Aber solange es (ausser einem selbst) niemand merkt, ist es offenbar noch erträglich, selbst wenn es letztendlich irgendwann einen Zug von Lächerlichkeit annimmt. Das Aussen wirkt nach wie vor immens aufs Innen, trotz aller Lebenserfahrung und Abgeklärtheit.

Donnerstag, 9. Juni 2011

Nötigenfalls Anlass geben.

Wenn einer, der soll oder will, nicht weiss, wie er dich kritisieren soll ... verzichte auf ein paar grammatisch notwendige Kommas. Solche waren dazu noch immer bestens geeignet — und am Ende sind alle zufrieden.

Anm.: Ich kannte vor vielen Jahren einmal eine kleine Firma, wo in der Buchhaltung extra und mit grossem Können Bilanzen so frisiert wurden, damit die jährlich anrückende Steuerprüfung auch tatsächlich einen Fehler findet. Dieser wurde dann selbstverständlich umgehend und reumütig beseitigt.

Mittwoch, 8. Juni 2011

Jeweils so und so.

Ein kluger Medienunternehmer, einer der wirklich verstanden hat, wie Information funktioniert, wird heute (unter möglichst intransparenter Verscheierung selbstverständlich) mindestens zwei Unternehmen betreiben, die zeitgleich jeweils genau Gegensätzliches veröffentlichen. Am nächsten Tag folgen dann wiederum zeitgleich die jeweiligen Dementi, ggf. unter gegenseitiger Berufung. Die Kosten für zwei derartige Komplementärprodukte übersteigen wahrscheinlich kaum die eines einzigen, auf der Nachfrageseite wird hingegen immer Bedarf bestehen müssen, entweder diesem oder jenem gegenüber.

Dienstag, 7. Juni 2011

Alt werden.

These: Alt werden heisst heute wesentlich unsicher werden. — Das ist neu. Wenn früher, d.h. im vorindustriellen Zeitalter, ein Mensch alt wurde, dann herrschten (selbst nach Kriegen) noch immer durchaus vergleichbare Bedingungen. Er konnte seine Lebenserfahrung noch immer unmittelbar anwenden und kontinuierlich weiterführen, letztendlich immer sicherer und ggf. tatsächlich altersweise werden.

Das ist heute anders. Heute macht ein Mensch in seinem einzigen Leben womöglich mehrfach harte, gesellschaftliche, politische und ideologische Wechsel durch, verliert (wiederholt!) Erspartes, sieht sich technischen Entwicklungen ausgesetzt, die er nicht mehr versteht1, auch Anforderungen, die er nicht mehr zu leisten in der Lage ist, beispielsweise mobil zu sein und sich orientieren zu können, auf verschiedenen Medien zu kommunizieren, verschiedene Sprachen zu sprechen, Informationen zu begreifen und richtig zu werten2. Und nicht begreifen heisst notgedrungen irrational werden ...

Es gibt heute ältere Menschen, die man früher noch als bodenständige und standfeste, weltoffene, kräftige, gesunde, ggf. sogar mächtige Persönlichkeiten kannte - und heute hat man die Befürchtung, der nächste Windstoss wirft sie um (und ich meine dabei nicht den körperlichen Aspekt). Eines Tages wird man womöglich mit Lebenserfahrung nicht mehr viel anfangen können — die Zeit wird einem schlicht davongelaufen sein.

1 Für alte Menschen ist bereits die Geheimnummer ihrer ec-Karte ein ewiges Geheimnis.
2 Es ist ja kein Wunder, dass ausgerechnet ältere Menschen immer wieder auf Werbeanrufe, Gewinnspiele, Trickbetrüger und Verkaufsveranstaltungen hereinfallen.

Montag, 6. Juni 2011

Vom Gelde (II)

Mit Verlaub, wenn heute eine neue, digitale Währung ein angebliches Gefährdungspotential für ganze Staaten oder Wirtschaftsräume aufweist, dann doch nicht wegen Lappalien wie Steuerhinterziehung oder Geldwäsche. Die primäre Gefahr geht davon aus, dass diese Währung nicht in Eigenregie von einem Staat einfach abgewertet werden kann, jedesmal wenn's im Staatshaushalt ein bisschen brenzlig wird. Und gerade dies war seit Beginn kapitalistischen Wirtschaftens noch immer eine Schlüsseleigenschaft einer jeden Währung und der eigentliche Grund ihrer Existenz überhaupt.

Freitag, 3. Juni 2011

Neue Gemeinsamkeit.

Ein moderner Nationenbegriff? — These: eine Nation ist heute ein Kollektiv, das sich mit mindestens einer gemeinsamen Gefahr konfrontiert sieht. Alles andere, Sprache, Kultur, Religion, Örtlichkeiten, Rasse, Sitte, Moral, Schrift, Erbe tritt inzwischen in den Hintergrund, es vermischt und durchdringt sich über kurz oder lang auf der ganzen Welt. Die Frage ist heute, ob einer Killergurken als Bedrohung anerkennt, oder Gammelfleisch, Vulkanasche, Terror, "Gene" oder "Atome". Nation building ist heute die Installation geeigener Ängste. Was wäre am Ende noch ein freies Individuum ohne Angst?

Mittwoch, 1. Juni 2011

Sprüche (272)

Sag nicht, etwas sei nicht realisierbar. Man wird es dir nicht glauben und obendrein an deiner Kompetenz zweifeln. — Sag, es sei überdurchschnittlich teuer. Dann sagt dein Gegner, es sei nicht realisierbar.