Donnerstag, 28. Juli 2011

Besuchen.

Ein paar Gräber besuchen, schrieb ich. Und warum auch nicht, wenn sich die Gelegenheit zufällig ergibt? Es gibt heute "sehr lebendige Orte", die toter sind als so mancher Friedhof. — Der Parasit reist nicht nur körperlich mit seinem Wirt, er reist auch in der Zeit und nicht zuletzt im Geist-Raum, er ist frei, und er hat überall gute Bekannte. Eines Tages werde ich also noch die Hand des wohlzerschlagenen Ritters schütteln (nicht ganz sicher darüber, ob er es verstehen wird ...)

Mittwoch, 27. Juli 2011

Fast fort.

Vor Reisen gibt es immer einen mehrtägigen Zustand, in welchem man schon längst nicht mehr ganz hier ist, genau wie hinterher, wenn man eigentlich eine ganze Zeitlang noch nicht wieder zurück ist. Der Parasit macht sich seine eigene Geschwindigkeit. Und ganz so schnell wie wir denken, reisen wir eben doch nicht ... unser Körper vielleicht ...

Dienstag, 26. Juli 2011

Weise.

Ein Weiser ist man nur unter der Bedingung, in einer Welt voller Narren zu leben. (Schopenhauer, Senilia, 53,6)
Drum benenne man niemals explizit einen Weisen. Es wird am Ende womöglich auf einen selber zurückfallen.

Montag, 25. Juli 2011

Sprüche (278)

Das Recht auf eine eigene Meinung ist gut und wichtig und eine demokratische Errungenschaft. — Was kümmert es da, wenn es die nachgeplapperte öffentliche ist, oder die zielgruppengerecht vorgedachte und häppchenweise zurechtgelegte eines grossen Medienunternehmens?

Freitag, 22. Juli 2011

Gewandelt.

These: Das Wort "einkaufen" ist aus der Mode gekommen. Einkaufen, das klingt nach Zweck, nach Notwendigkeit, nach Müssen. Man sagt heute besser "shoppen", hier in der Schweiz "go lädele" (also "lädeln") und bestätigt damit lebensklug den längst vollzogenen Wandel dieses Vorgangs: der Kunde bedient heute Läden, nicht andersherum.

Mittwoch, 20. Juli 2011

Kritik, vergebliche.

Beobachtung: wenn man Journalisten in Kommentaren oder Leserbriefen an ihre Aufgabe und Pflicht erinnert, nämlich sachliche, an Fakten orientierte Artikel zu verfassen, Analysen durchzuführen, Hintergründe zu beleuchten, Zusammenhänge transparent zu machen und daraus auch Standpunkte abzuleiten, nämlich weil man als aufmerksamer Leser genau dies erwartet, aber bereits zum wiederholten Male vermisst, bekommt man immer öfter als Antwort, man möchte doch bitte ernstzunehmende, sachliche Kritik äussern.

Dienstag, 19. Juli 2011

Folgerichtig.

Facebook-Nutzer sind nicht Kunden, sie sind Ware
(Richard Stallman, hier)
Wenn alles kopfsteht, muss man gelegentlich auch einfache Dinge erklären. — Es liegt aber eigentlich auf der Hand: wo einer seine Arbeitskraft als Ware verkauft, dort wird auch seine Konsumkraft zur Ware.

Montag, 18. Juli 2011

Sprüche (277)

Lass dich nicht kränken. — Die Kränkung ist eine siechende Halbschwester des Zorns.

Samstag, 16. Juli 2011

Passfotos (XXXII)

Bundergrat (2456m, oberhalb von Kandersteg, Berner Oberland, heute Mittag)

Freitag, 15. Juli 2011

Von den Kennzahlen.

Zu unseren neumodischen Gepflogenheiten, den Blick durch eine Filzbrille für ein reales Abbild der Welt zu halten, gehört das Messen einer Staatsverschuldung am jeweiligen Bruttoinlandsprodukt (BIP). Man sieht das derzeit täglich mehrfach und die Journaille wird nicht müde zu betonen, man könne nur so wirklich und ernsthaft usw. Es lässt sich natürlich auch gut darstellen, mit Balkengrafiken und fortschreitender Historisierung.

Aber was ist das BIP für ein Massstab? Was besitzt es für eine Relevanz? Ich behaupte, es ist wesentlich nur eine von vielen Möglichkeiten, die unvorstellbaren Zahlen - es geht ja inzwischen in die Billionen - kleinzurechnen, um sie in Tabellenkalkulationen auf den Achsen von Diagrammen platzieren zu können. Eine tatsächliche Aussage, wie vertrauenswürdig ein Staat sei und wie sicher dort angelegte Gelder, wie schlimm sein Schuldenberg, oder wie lange womöglich dessen Tilgung dauere, ist auch daran überhaupt nicht zu treffen. Das Wort Tilgung existiert gar nicht mehr. Als ob das BIP eines Staates ggf. irgendwie für Gläubiger zur Verfügung stünde, als Pfand oder Gegenwert! Das tut es nicht, es ist ja bereits einmal verkauft. — Es ist Quantifizierung von Illusionen, einmal mehr.

Donnerstag, 14. Juli 2011

Sprüche (276)

Wie sehr sich das Menschlein unterschätzt, sieht man daran, dass sich kaum einer zutraut, mit seinen zehn Fingern bis 1023 zu zählen. Und doch kann das jeder.

Mittwoch, 13. Juli 2011

Von der Schuld.

Eine weitere interessante Fähigkeit (ich bin noch bei Erziehungsfragen) wäre die Bewältigung von kleinen und grossen Katastrophen, oder allgemeiner: Problemfällen mit offener Schuldfrage.

Die Schuld ist eigentlich etwas Sekundäres. Wir suchen allerdings in vielen Fällen und instinktiv sofort nach einer Klärung der Schuldfrage und es fällt ganz automatisch und auf der Stelle viel leichter, mit irgendetwas Schlimmem umzugehen, sobald die eigene Unschuld erwiesen ist - das ist sogar noch zu verstehen - aber selbst auch dann, wenn endlich irgendein anderer Schuldiger gefunden ist, einer, den man nicht einmal kennt1 - und das ist sehr merkwürdig: was hat man davon? Wieso geht dann ein Aufatmen um? Wieso muss in vielen Situationen, insbesondere solchen, bei denen die Öffentlichkeit beteiligt ist und lautstark ihr Recht auf Aufklärung einfordert, speziell in der Politik, ein konkreter, personifizierter Buhmann ausgemacht werden, der dann "die Verantwortung2 übernimmt"? Ich behaupte sogar, der dringend notwendige3 Erfolg bei der Projektion einer Verantwortlichkeit ist eine wesentliche Ursache für die Idee und Akzeptanz übernatürlicher Intelligenz. Gottes Wille genügt, und wir wissen ja, der ist zum Glück unergründlich ...

Es gibt aber eben auch viele Situationen, in denen keine Schuld definierbar ist, etwa bei Naturkatastrophen, oder die jedes Einzelnen. Beide Fälle sind etwas, mit dem wir ganz schwer umgehen können. Was speziell letzteren angeht, ist bemerkenswert: es ist gerade ein Merkmal unserer hoch individualisierten Zeit, dass der Einzelne ein erkennbares Bestreben hat, Verantwortlichkeiten loszuwerden und an die Gesellschaft abzugeben, insbesondere im Falle von Risiken, und diese antwortet konsequent durch vermeintliche Risikominimierung, etwa im Strassenverkehr. Dass uns nichts passiert, daran sind wir inzwischen dermassen gewöhnt, dass wir es schlicht auch für gänzlich unmöglich halten. Und selbst wenn, dann haben wir Versicherungen, lebenslange medizinische Versorgung und ein funktionierendes Rechtssystem mit Exekutive, selbstverständlich alles unter kollektiver Kostenübernahme. Wen interessiert da noch die Schuld?

1 am besten noch irgendein Ausländer, mit anderer Hautfarbe und/oder Religion, das ist ja immer suspekt
2 was für eine blöde Formulierung, was soll denn das für eine Verantwortung sein?
3 immer im Sinne des Wortes: "die Not wenden"

Dienstag, 12. Juli 2011

Sprüche (275)

Die Jugend ist die schönste Zeit im Leben. Keine Frage. Nur leider eben auch die dümmste.

Sonntag, 10. Juli 2011

Kalt bleiben.

Nicht zürnen. Das wäre tatsächlich einmal eine lohnende Fähigkeit, die man jungen Menschen anerziehen sollte. Das Blut kalt halten, die Augen offen, den Mund geschlossen und die Kräfte im Zaum. — Dazu gehört Dialektik: immer mindestens eine alternative Anschauung mitbetrachten und mitberücksichtigen, neben der eigenen, die man deshalb ja nicht aufgeben muss, das Ergebnis der Betrachtung immer offenhalten, anderes anerkennen. Dazu gehören auch Mut zur Selbstreflexion und Mut zum Gewissen.

Freitag, 8. Juli 2011

Ernährung, fachmännische.

Experiment: sich einmal eine Woche lang ernähren, wofür der Verdauungstrakt eigentlich konzipiert war, bevor er innerhalb weniger Jahrtausende beträchtlich umgestellt wurde. Sich tatsächlich versorgen wie ein Urmensch und zwar nicht bereits ein ackerbauender, also
  • Fleisch, Fisch, Eier (die Insekten lasse ich jetzt mal ...), Nüsse,
  • praktisch frei von Kohlenhydraten, lediglich ein bisschen Fruchtzucker aus Beeren und ein wenig saures Obst sind erlaubt, bestenfalls Kastanien,
  • schwankungsreich, d.h. einmal alle zwei, drei Tage richtig satt, ansonsten auch durchaus nicht,
  • gänzlich ohne Salz,
  • nur reines Wasser trinken.
Man wird es bereits am ersten Tag bedauern. Aber man wird möglicherweise besser damit zurechtkommen, als man zunächst annimmt — insbesondere ohne Kaffee, ohne mindestens eine warme Mahlzeit am Tag, ohne lückenlose Rundumsättigung.

Mittwoch, 6. Juli 2011

Warum nicht?

Warum nicht ein wenig altmodisch sein? Warum nicht Dinge von Hand erledigen, selber herstellen, selber herausfinden, selber ersinnen und raffinieren, auch wenn es selbstverständlich mit Werkzeugen und Computern oder gar in Form von Dienstleistungen leichter und schneller ginge? Warum nicht die Dinge verstehen lernen, mit denen man umgeht, anstatt sie lediglich zu benutzen? Warum nicht auch Dinge schätzen, obwohl sie alt und nach heutigen Massstäben nicht perfekt und womöglich umständlich sind. Warum nicht auch durchaus Zeit mit ihnen verbringen, sofern man sie hat, und gerade dies noch geniessen und auskosten - den positiven und wertvollen Aspekt des Althergebrachten und Überlieferten, der Kultur? — Kultur ist im besten Falle etwas Selbsterworbenes, nicht etwas von aussen Auferlegtes.

Montag, 4. Juli 2011

Sprüche (274)

Der Bauch ist der kleine Bruder des schlechten Gewissens. — Entscheide nur einmal gegen deinen Bauch.

Freitag, 1. Juli 2011

Sag nicht.

An manchen Tagen musst du auch aus morschem Bruchholz noch einen stabilen Sarg zimmern. Und man wird dir eine stumpfe Axt in die Hand drücken. Man wird sogar fordern, dass es der beste und bequemste sei, der bisher je erdacht worden ist. — Sag nicht, du habest nicht gewusst, dass man solches von dir verlangen würde. Sag nicht, du habest das nie gewollt. Und sag nicht, du könntest das nicht.